Serpentia

Der Dunkle Tempel

Herbst 1180

Mentalia, Andrew, Petrus, Mark

Als Mentalia und der feenblütige Flötenspieler Mark wieder einmal im Feenwald sind, bittet Fionnuala sie um Hilfe: Irgendwo in der Menschenwelt muß eine Fee umherirren und in Schwierigkeiten sein. Sie weiß nicht genau, wo oder was, aber sie bittet die beiden, doch einmal die Ohren offen zu halten. Diese stimmen zu und kehren beunruhigt zum Bund zurück.
Dort packt Vater Petrus gerade seine Sachen, um dem Hilferuf von ein paar Dörflern aus der Nähe nachzukommen, die von einer Art Höllenhund heimgesucht werden. Zwar wissen Mark und Mentalia nicht, ob die beiden Vorfälle etwas miteinander zu tun haben, aber sie beschließen, Petrus sicherheitshalber zu begleiten. Dies ruft Andrew auf den Plan, der der Meinung ist, die schwangere Mentalia solle sich einer solchen Gefahr nicht aussetzen. Die Merinita hört natürlich nicht auf ihn, sodaß er sich notgedrungen der Gruppe anschließen muß, was Mentalia wiederum gar nicht paßt. Aber nach einem heftigen Streit während eines Nachtlagers versöhnen sich die beiden wieder, und Andrew hält um Mentalias Hand an. Die ist sich allerdings nicht sicher, ob sie überhaupt heiraten möchte, und so vertröstet sie ihn.
Als sie an dem kleinen, überwiegend von Arabern besiedelten Dorf ankommen, können sie die Spuren der Verwüstung in den Pfirsich- und Apfelhainen deutlich erkennen. Irgend etwas hat an den Bäumen schwere Brandschäden verursacht, und es war mit Sicherheit nichts natürliches. Als sie ins Dorf selbst kommen, sind die Dörfler sehr erleichtert. Die seltsame, leuchtende Bestie, die ihre Felder heimsucht, hat auch schon einen jungen Mann getötet. Dessen Mutter ist natürlich völlig aufgelöst, und sein Vater verspricht jedem eine hohe Belohnung, der das Biest erlegt. Genaueres über das Tier zu sagen weiß aber auch er nicht: Nur daß man manchmal nachts ein sonderbar blutiges Leuchten wie von scharlachfarbenen Flammen über den Feldern sieht und dann am nächsten Morgen überall Brandspuren sind. Tagsüber verschwindet das geisterhafte Licht. Einer der Dörfler meint, er hätte es einmal in Richtung des kleinen Wäldchens weglaufen oder – fliegen sehen. Dieses Wäldchen wächst an der gegenüberliegenden Seite des Sees, an dem das Dorf liegt. Es ist recht unwegsam, und es gibt auch Gerüchte, daß dort schon lange etwas Böses lauert.
Davon lassen sich aber Petrus und die anderen nicht abschrecken. Nachdem sie sich eine Nacht im Dorf ausgeruht haben, brechen sie am Morgen in das Wäldchen auf. Auch hier findet man die eingebrannten Fuß- oder Pfotenspuren der höllischen Kreatur. Als sie diesen folgen, kommen sie recht schnell zu einer freien Fläche zwischen den Bäumen und dem filzigen Gestrüpp. Auf dieser Lichtung liegen die Trümmer eines einstmals großen Gebäudes, auch die Überreste von Statuen sind zu sehen. Der Ort strahlt eine starke und bedrückende Aura des Bösen aus. Als Petrus dann auch noch den Kopf einer Statue findet, die in ihrer dunklen und grausamen Schönheit Terminus´ Beschreibung von Charnas ähnelt, weiß er, was dieses Gebäude einst war: Eine Kultstätte für die alten Götter, ein Tempel des Versuchers, ein uralter Tanzplatz des Teufels. Er erschauert, und auch Andrew läuft ein kalter Hauch den Rücken herunter, obwohl er nicht weiß, warum.
Jedoch der Tempel ist schon seit Jahren zerfallen und steht augenscheinlich leer. Dennoch möchte Petrus den Dingen auf den Grund gehen und die Dörfler von ihrer Plage befreien. Als er dann einen Eingang findet, der nach unten führt, betritt er das Gewölbe ohne Zögern. Mit einen leichten Schaudern folgen ihm die anderen. Die unteren Räume sind keineswegs unbeleuchtet, wie sie zunächst vermutet haben, sondern werden durch ein rötliches Licht wie von glühenden Brandeisen erhellt. Dieses Licht hat verschiedenen Pflanzen zum Wachstum verholfen: Faulig riechenden Pilzen, die auf dem Boden unter den Schritten der Eindringlinge leise ächzend zerplatzen, kränklich flackernden Moosen, die Schatten wie von Prellungen in das rote Licht werfen, und allen Arten von Flechten, die die Wände zu ersticken drohen und dem Boden die seltsam federnde Substanz von lebendem Fleisch verleihen. Als die Menschen tiefer in diese Struktur vordringen, finden sie auch Käfige, manche leer, manche noch mit den Überresten von Tieren und Menschen gefüllt, aber alle noch vom Schmerz ihrer unglückseligen Gefangenen versehrt und beschmutzt. Es gibt hier Räume, von denen niemand sagen könnte, ob sie Folterkammer oder Lustgemächer waren. Die Zeichnungen an den Wänden, die nach einiger Zeit allgegenwärtig werden und die die grausamsten Perversionen darstellen, denen ein Mensch nur fähig sein kann, scheinen auf beides zugleich hinzuweisen. Es gibt hier Gemächer für Priester und Opfer, beide besudelt mit Bildern von Folterungen oder Liebesszenen. Hier scheinen Schmerz und Ekstase das Gleiche gewesen zu sein, beliebig austauschbar und niemals im Gegensatz. Das Schlimmste an diesen Bildern ist, das sie nicht nur grauenhaft, sondern auf eine Art und Weise auch schön sind, die dazu verleiten mag, sich selbst in diesem Taumel von Agonie und Euphorie zu verlieren. Verführerisch und böse zugleich, wie der Statuenkopf, wie das Gesicht von Charnas selbst. In den Gefährten, die sich eng aneinander halten, besteht kein Zweifel mehr, daß diese Kultstätte tatsächlich zu Terminus´ Nemesis gehört.
Nach einer schier endlosen Zeit, in der die Menschen durch die Gänge dieses Molochs irren, kommen sie schließlich zum Zentrum des Bösen: Einem großen leeren Raum, in dem nicht einmal die sonst allgegenwärtigen Flechten und Pilze zu wachsen wagen. Der Hauch der Verderbnis, der ihnen aus dieser Halle entgegenschlägt, ist so stark, das er Petrus körperliche Schmerzen zufügt.
Im hinteren Teil der Halle steht auf einem Podest ein gedrungenes, schwärzliches Rechteck, das das ekelhafte Licht, das auch hier herrscht, aufzusaugen scheint. Dies ist der Altar des Charnas, das Herzstück des Bösen in diesem Tempel, blutüberkrustet und seltsam lebendig, lauernd. Als sich Petrus und die anderen diesem Ding nähern, werden die Schmerzen, die der Priester empfindet, immer schlimmer, ihm wird übel und von seinen Kreuz scheint eine sengende, versehrende Hitze auszugehen. Dennoch hält er das Symbol seines Glaubens fest und schreitet weiter auf den wartenden Altar zu. Mark und Mentalia, beide nicht christlich erzogen, spüren das Grauen dieses Raums nicht so deutlich, sind aber nicht in der Lage, sich dem Podest, auf dessen Stufen rötliche Steine wie Blut glänzend eingelassen sind, zu nähern. Andrew, dessen Glaube lange nicht so stark ist wie der des Priesters, verspürt beim Betreten der Halle nichtsdestotrotz einen immer stärker werdenden, ziehenden Kopfschmerz, der durch eine kaum hörbare, flüsternde Stimme in seinem Geist ausgelöst zu werden scheint. Auch er ist nicht fähig, sich dem vor seinen Augen pulsierenden und windenden Altar zu nähern.
Schließlich schafft es Petrus, sich unter Aufbietung all seiner Kräfte die Stufen des Podestes emporzuquälen. Als er vor dem schwärzlich-braunen Altar steht, beginnt auch er, eine leise flüsternde Stimme in seinem Kopf zu vernehmen, die seinen Glauben verhöhnt und ihm ungeahnte Freuden verspricht, und nur einen winzigen Moment ist er versucht, sein Kreuz von sich zu schleudern und der Versuchung nachzugeben. Doch sein Vertrauen in Gott ist stärker: Mit einem wilden Aufschrei und einer schier übermenschlichen Anstrengung preßt er sein Kreuz auf die wabernde Schwärze des Altars und beginnt, laut ein Paternoster zu beten, auch wenn ihm die Worte fast in der Kehle steckenbleiben und ihn zu ersticken drohen. Aber je länger er betet, desto freier strömen die Gebetsformeln hervor und desto geringer wird der Schmerz und die Übelkeit. Statt dessen scheint jetzt der Altar zu erschaudern und mit einen unhörbarem Seufzer gibt er einen Teil seiner Beute frei: An der Stelle, auf die Petrus das Kreuz gelegt hat, tritt ein schwaches, aber stetiges Rinnsal Blut hervor und beginnt, zunächst den Altar selbst, dann auch die Stufen des Podestes herabzurinnen. Während des Kreuz mit dem Altar verschmilzt und immer tiefer in seine Substanz hineinsinkt, läßt der grauenhafte Druck dieser Halle langsam nach, und die Gedanken der Menschen sind wieder in der Lage, etwas anderes wahrzunehmen als das Spottgebilde auf dem Podest.
Dabei entdecken sie die Bewegung von etwas Weißem hinter einer offenstehenden Tür, die in die Rückwand der Halle eingelassen ist: Ein reines, klares Weiß wie von Schnee oder Eis, nicht wie das Weiß von Knochen oder Gebeinen, das sie hier gelegentlich gesehen hatten. Als sich Mentalia dem rückwärtigen Raum nähert, entdeckt sie darin acht Särge, die alle leerstehen. Ihre Deckel sind geöffnet, und etwas, das von der Präsenz derer, die in den Särgen geschlafen haben, herrührt, läßt die Merinita erschaudern. Aber es ist etwas anderes, was schließlich ihren Blick fängt und zu halten vermag: Eine jung aussehende Frau in schmutzigen und zerrissenen Kleidern, die nur auf den ersten Blick menschlich wirkt. Dann fallen die pupillenlosen eishellen Augen auf, die fast bläulich schimmernden weißen Haare und die durchscheinende helle Haut: Die Erscheinung gehört zum Volk der Feen. Sie schaut Mentalia zunächst sehr ängstlich an, aber als sie Mark sieht, faßt sie Vertrauen zu den Fremden. In dem kurzen, gehetzten Gespräch stellt sie sich als Siriki, ein Gletschergeist, vor. Sie ist von Menschen verschleppt worden, um als eine Art Ausstellungsstück in einen Zoo, den ihre Entführer nur den Zoo von Tajar nannten, zu dienen. Sie konnte fliehen, aber seitdem wird sie von einem Höllenhund gejagt, der sie zurückbringen soll. Allerdings wagt das Tier nicht, sie hier drin anzugreifen, deshalb hält sie sich hier versteckt, auch wenn die Aura dieses Ortes selbst ihr schwer zu schaffen macht.
Da Mentalia und Mark ihre verschwundene Fee gefunden haben, und der Höllenhund offenbar nicht im Tempel selbst ist, verlassen die Eindringlinge die Kultstätte mit großer Erleichterung. Petrus allerdings läßt sein Kreuz auf dem Spottaltar, der weiterhin aus seiner Wunde blutet.
Als sie aus dem unterirdischen Gewölben wieder an die Oberfläche gelangen, ist die einfache Schönheit von klarer, nach Blüten duftender Luft und hellem Mondlicht fast so überwältigend, daß sie das Heulen des Höllenhundes überhören. Da sie keine Grogs mitgenommen haben, ergreifen der Gletschergeist und seine Beschützer zunächst die Flucht.
Allerdings ist der Höllenhund um einiges schneller als die Zweibeiner und so sehen sie schon nach kurzer Zeit, wie die Bestie hinter der Gruppe herhetzt und schnell aufholt. Das höllische Tier ist in ein blutiges rotes Licht getaucht, das an die dumpfe Beleuchtung des Tempels erinnert. Außerdem scheint sein Schöpfer es nicht für nötig gehalten zu haben, die Kreatur auch noch mit Haut zu versehen: So ist die hundeähnliche Erscheinung eine Masse aus Muskeln und Sehnen. Sein ganzer Körper sieht wie abgeschürft oder gehäutet aus. Wenn dies der Bestie jedoch irgendwelche Schwierigkeiten bereitet, so ist das nicht zu bemerken: Immer näher kommt die Kreatur. Schließlich bleibt Andrew stehen, zieht sein Schwert, da seine Magie gegen Dämonen fast völlig unwirksam ist und ruft den anderen zu, sie sollten weiter fliehen. Aber nur Mark und Siriki hören auf seine Worte. Petrus bleibt stehen und beginnt zu beten, was das Wesen aber kaum verlangsamt. Mentalia zaubert auf das Höllentier, jedoch auch das bleibt ohne Ergebnis. Der Höllenhund springt Andrew an und bringt den kaum im Kampf ausgebildeten Magier schnell zu Fall. Als er jedoch versucht, dem Gestürzten die Kehle durchzubeißen, kann dieser die Bestie mit seinem Dolch von der Kehle bis zum Bauch aufschlitzen. Das Tier verendet, allerdings fallen dabei seinen brennenden Eingeweide auf den immer noch unter ihm liegenden Magier. Den hätte daraufhin sein eisernes Kettenhemd, das sofort zu glühen beginnt, fast das Leben gekostet, aber mit dem erst kürzlich geforschten Entkleidungsspruch kann Mentalia ihn noch einmal retten, wiewohl er recht schwer verletzt ist.
Kurz nach diesem Kampf trifft die vorher angeforderte Verstärkung aus Serpentia ein – allerdings etwas zu spät. Als Terminus, der verständlicherweise sehr an dem Tempel interessiert ist, sich von Petrus zu der Ruine führen lassen will, müssen sie feststellen, daß das Gebäude wieder verschwunden ist. Nur ein paar Trümmer sind noch zu finden, aber weder der Statuenkopf noch der Eingang können entdeckt werden. So zieht Terminus unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

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Marganma

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