Serpentia

Der Hexer vom Aifenmoor

Frühling 1181

Daowyn

Bei seiner Bitte um Weißdornzweige hatte Andrew natürlich an Zweige von einem Busch gedacht. Das allerdings erscheint Daowyn zu einfach: Sie möchte jetzt einen Zweig von einem Weißdornbaum besorgen. Dazu braucht sie wohl die Hilfe der Feenkönigin Fionnuala, da sie selbst keine Ahnung hat, wo so ein Baum wachsen könnte.
Sie hat Glück: Die goldhaarige Königin hat tatsächlich schon Legenden über den Weißdornbaum gehört. Sie weiß zwar nicht, wo er in der Welt der Sterblichen steht, aber sie kann Daowyn an den Ort bringen, von dem sie annimmt, daß er dort wächst. Dankbar (aber ohne sich zu bedanken) folgt die Ritterin Fionnualas Anweisungen und kommt nach einer etwas seltsamen und verwirrenden Reise, bei der ihre Knäppin (?) Colleen in einen tiefen Schlaf versinkt, schließlich in einem dunklen, kalten Moor an. Nachdem sie sich ein wenig orientiert hat, stellt sie fest, daß sie nicht nur in Irland ist, sondern im Aifenmoor, wo die Burg ihres Vaters steht und wo sie aufgewachsen ist.
Allerdings hat sich das Moor verändert, seit sie es das letzte Mal gesehen hat: Früher war es trotz Nebel und schlechtem Wetter immer noch eine recht freundliche Gegend, zumindest aus den Augen derer, die dort lebten. Jetzt wirken die schweren, düsteren Nebelschwaden bedrohlich und feindselig, das leise Blubbern des Schlamms klingt wie ein böses Flüstern, das „Geht weg! Geht weg!“ zu wispern scheint. Daowyn erschaudert zwar, läßt sich aber von ihrem Vorhaben so leicht nicht abbringen und wendet sich zunächst in Richtung der Aifenfeste und des kleinen Dorfes, das zu den Füßen der Burg liegen sollte.
Als sie dort jedoch ankommt, steht das Dorf leer, und über der Burg weht eine fremde Flagge: Eine silberne Schlange, gekreuzt mit einem silbernen Schwert, auf schwarzem Grund. Bevor sie jedoch dieser Sache auf den Grund gehen kann, sieht sie bei einer der Hütten eine Bewegung. Als darauf zugeht, kommt ihr ein erbarmungswürdiges, verdrecktes Bündel Mensch entgegen, das leise sinnlose Worte vor sich hin brabbelt. Es dauert eine Weile, bis Daowyn in der bedauernswerten Gestalt Molly, die Heilerin, erkennt. Die vorzeitig gealterte Frau ist völlig von Sinnen und scheint auch sehr krank zu sein: Sie ist abgemagert, ausgezehrt und hat Fieber. Voller Mitleid bringt Daowyn die ehemalige Heilerin zu ihrer Hütte, wo diese sich sofort eine ihrer Puppen nimmt und sie in den Armen wiegt. Nachdem die über Mollys Veränderung entsetzte Ritterin sich ein wenig mit der Verrückten unterhalten hat, kann sie sich aus deren Worten ein paar Sachen zusammenreimen: Auf der Burg ist seit einiger Zeit ein neuer Herr, vor dem Molly sehr viel Angst zu haben scheint. Einige Zeit nach dessen Ankunft wurde das gesamte Dorf von einer schrecklichen Seuche dahingerafft, trotz aller Anstrengungen konnte die Heilerin, die seltsamerweise immun gegen die Krankheit zu sein schien, niemanden retten. Diese Unfähigkeit war es wohl auch, die die einzige Überlebende in den Wahnsinn getrieben hat.
Nachdem sich Daowyn versichert hat, daß sie die kranke Alte eine Weile allein lassen kann, geht sie hoch zur Aifenfeste, um mit dem neuen Burgherrn zu sprechen. Auf dem Hügel, auf dem die Burg gebaut ist, angekommen, muß die Ritterin zunächst feststellen, daß auch die Dienerschaft der Feste von der Seuche dahingerafft worden sein muß: Statt eines Seneschalls empfängt sie ein magerer blonder Knabe von vielleicht acht Jahren, der sich als John, Knappe des Burgherrn, vorstellt. Er führt sie durch die ausgestorbene Burg zu dem Adligen. Dieser erwartet sie im Rittersaal, der durch ein Feuer in Kamin und viele Kerzen warm und hell erleuchtet ist.
Als Daowyn eintritt, erhebt sich der Burgherr und heißt sie mit einer tiefen, kultivierten Stimme mit nur leichtem französischen Akzent willkommen. Der Ritter ist hochgewachsen und schlank, mit sehr dunklen braunen Augen und schwarzem Haar und Bart, eine elegante und beeindruckende Erscheinung, wenn auch durch seine dunkle Kleidung ein wenig düster.
Er stellt sich als Alocar d´Alencon vor, und erklärt, er habe dieses Lehen erst vor einem halben Jahr von dem englischen Vizekönig übertragen bekommen. Als Daowyn sich ihrerseits vorstellt, ist er zwar erstaunt, in der schlammigen, gerüsteten Gestalt vor sich eine Frau zu finden, äußert sich aber außer durch eine kurz hochgezogene Augenbraue nicht weiter über deren seltsame Aufmachung.
Während sie sich unterhalten, trägt John das durchaus sehr reichhaltige und vielseitige Essen auf. Als Daowyn sich erkundigt, woher das denn alles stammt, flüchtet sich Alocar zunächst in etwas unwahrscheinliche Ausreden. Schließlich entdeckt die Ritterin aber an seiner Kleidung das ihr durch Andrew vertraute Symbol des Hauses Jerbiton, den Turm mit der Flagge. Es stellt sich heraus, daß der neue Burgherr wohl tatsächlich ein Magier ist, was er auch recht freimütig zugibt. John ist sein Lehrling. Was die merkwürdige Seuche angeht, so war er nicht in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen: Er vermutet fast schon teuflische Mächte oder dunkle Feen als Ursache. Daß er selbst, John und Molly davon verschont geblieben sind, führt er auf die magische Gabe zurück, die sie wohl irgendwie geschützt haben muß.
Was die nun etwas unklaren Besitzverhältnisse des Lehens Aifenmoor angeht, so ist er gerne bereit, mit Daowyn zum Vizekönig zu reisen und den Fall dort zu klären.
Den ganzen Abend über erweist er sich als überaus höflicher und zuvorkommender Gastgeber. Dennoch traut die Ritterin ihm nicht ganz über den Weg, zumal sie gesehen hat, wie eingeschüchtert John von seinem Meister zu sein scheint. Daher lehnt sie sein Angebot, in der Burg zu übernachten, ab, da sie ja auch noch einmal nach Molly sehen möchte.
Bevor sie die Burg verläßt, bittet John sie noch, sich doch dringend mit ihm am nächsten Tag in der Dorfkirche zu treffen. Er wirkt sehr verängstigt, aber auch ein wenig hoffnungsvoll. Daowyn verspricht ihm, seinem Wunsch nachzukommen.
Als sie wieder in Mollys Hütte ankommt, ist deren Zustand unverändert. Obwohl sie nicht viel davon versteht, merkt Daowyn, daß der körperlich und geistig Leidenden nicht mehr viel Zeit bleibt – zumal der Lebenswille der Heilerin gebrochen ist. Dennoch versucht sie, es ihrer ehemaligen Amme so bequem wie möglich zu machen, und tatsächlich scheint Molly sie nach einer Weile zu erkennen. Allerdings ist sie bei weitem nicht klar genug, daß sie der Ritterin erzählen kann, wo der Weißdornbaum wächst – obwohl sie offensichtlich schon davon gehört hat.
Am nächsten Tag geht Daowyn in die verlassene Kirche, um sich mit Alocars kleinem Lehrling zu treffen. Dabei macht sie eine bestürzende Entdeckung: Durch ihr Feenblut ist sie im Normalfall sehr anfällig gegen die Macht der Kirche, hier aber verspürt sie nicht den leisesten Hauch einer christlichen Aura. Zudem scheint das Dorfkirchlein schon viel stärker verfallen zu sein, als es die Zeit erfordern würde.
Als sie sich gerade noch mit diesem Rätsel befaßt, taucht John hochgradig nervös und sehr ängstlich in der Kirche auf. Als Daowyn ihn fragt, wovor er denn solche Angst hätte, blickt er nur stumm zur Burg hoch. Auch den Grund für seine Furcht kann sie recht schnell erfahren: Als er sein dünnes Hemd hebt, kann sie auf seinem mageren Körper die Spuren grausamer Prügel entdecken. Jetzt endlich erinnert sie sich auch, wo sie den Namen Alocar d´Alencon schon einmal gehört hat: Andrew hatte im Bund das eine oder andere Mal von seinem grausamen Lehrmeister erzählt, den er des Dämonismus verdächtigt. Auch der englische Magier trägt ähnliche Narben wie der Knabe John.
Die beiden unterhalten sich noch eine Weile, und als Daowyn dem Kind schließlich verspricht, er müsse nie mehr zurück zu seinem Meister, erzählt der Junge ihr auch im Flüsterton, daß Alocar selbst irgendwie für die Seuche verantwortlich sei. In der Hoffnung, daß dies Molly irgendwie helfen könne, bringt Daowyn das Kind zu der alten Heilerin, wo sie ihr diese Geschichte erzählt. Tatsächlich: Ob es die Nähe des Todes oder die grauenhafte Wahrheit oder beides zusammen ist, die Molly ihren Verstand zurückbringt, wird niemand mehr erfahren. Jedenfalls weicht der Wahnsinn aus den Augen der alten Frau und eine klare, unnatürliche Ruhe ergreift von ihr Besitz.
Mit schwacher, aber eindringlicher Stimme erklärt sie Daowyn und John, daß sie jetzt sterben müsse, um das Land selbst vor dem Verderber zu retten. In einem Ton, der keinen Widerspruch duldet, schickt sie die beiden aus der Hütte, damit sie in Ruhe einen Pakt mit dem Tod schließen kann.
Draußen aber sehen die Ritterin und der Knabe, wie Alocar gerade auf den Dorfplatz reitet. Sein markantes Gesicht zeigt derartig kalten Zorn, daß selbst Daowyn, die sich sonst durch nichts einschüchtern läßt, ein paar Schritte zurückweicht. Der finstere Magier beachtet sie gar nicht, sondern befiehlt nur seinem Lehrling mit eiskalter Stimme, sofort mit ihm zu kommen. Trotz Daowyns Protesten setzt sich das verängstigte Kind langsam in Bewegung; als die Ritterin zwischen die beiden treten will, stellt sie fest, daß sie sich nicht mehr bewegen kann.
Da aber taucht eine andere Gestalt zwischen Magier und Lehrling auf: Eine junge, einfach gekleidete Frau, die starke Ähnlichkeit mit der alten Molly hat, und die im Licht leicht durchscheinend schimmert. Sie stellt sich Alocar als Geist des Moores vor und verlangt von ihm, daß er Aifenmoor sofort verläßt.
Der Jerbiton ist davon wenig beeindruckt und fordert sie auf, ihm aus dem Weg zu gehen. Da sie das nicht tut, kommt es zwischen den beiden zum Zweikampf. Und trotz all seiner Kunst und all seiner Magie ist der Geist des Landes in seinem Zorn stärker als der Zauberer; der schließlich am Ende seiner Kräfte und schwer verletzt nur noch fliehen kann.
Nach dieser Schlacht wendet sich der Geist an Daowyn und dankt ihr für ihre Hilfe. Dafür soll sie auch den Stab vom Weißdornbaum erhalten. Die Frau, die genau aussieht wie eine jüngere Molly, nennt der Ritterin einen Ort, an den sie kommen soll, um den Stab zu empfangen. Dann verschwindet sie ebenso plötzlich, wie sie gekommen ist.
In der Hütte finden Daowyn und John dann die Leiche der alten Heilerin, die mit einem grimmigen Lächeln auf dem Gesicht gestorben ist. Sie begraben sie in dem Moor, für das sie ihr Leben geopfert hat.
Am Abend treffen sich John und Daowyn dann noch einmal mit dem Geist des Moores. Dabei erblicken beide die starken, geraden Äste des Weißdornbaumes, der in seiner Reinheit nichts Böses in seiner Nähe dulden kann. Schließlich tritt die Ritterin vor den beeindruckenden Baum und bittet ihn höflich um einen seiner Zweige. Der Weißdorn ist ihr wohlgesonnen: Aus seiner Mitte wächst für sie ein starker, kurzer Knüppel, den sie leicht lösen kann. Ehrfurchtsvoll verstaut sie ihn und bricht dann mit John in Richtung ihrer Heimat auf, die sie dank des kurzen Weges durch den Feenwald auch recht bald erreichen.
Dort übergibt Daowyn den Ast an Benedikt und Terminus, die ihn dankbar mit in die Zwillingswiege einbauen und dadurch die Macht des in der Wiege liegenden Zaubers stärken.

Comments

Marganma

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.