Serpentia

Der Weißdornbaum von Aifenmoor

Winter 1182

Sean, Sir Quintus, Chrysos, Henry

Seit dem Kampf mit den Hexen von Aifenmoor leidet Chrysos, Sir Quintus´ Diener, unter dem Fluch, der ihn zwanzig Jahre älter macht als er eigentlich ist. Nachdem die Suche nach dem Schlüssel beendet ist, hat Sir Quintus jetzt Zeit, sich darum zu kümmern. Dazu zieht er zunächst mit Sean in den Feenwald, da er sich an Terminus´ Verjüngung erinnert und hofft, daß Fionnuala so etwas auch mit Chrysos machen kann.
Die Feenkönigin ist gern bereit, dem unglücklichen Diener zu helfen, verlangt dafür aber im Gegenzug, daß der Verjüngte dann noch einmal nach Irland geht, um dem dortigen Moorgeist zu helfen, das zu beenden, was das letzte Mal nur angefangen worden war. Sir Quintus, Sean und Henry wollen Chrysos dabei begleiten, da der Diener wohl kaum in der Lage sein dürfte, diese Aufgabe allein zu beenden.
Immerhin müssen Sir Quintus und die anderen nicht wieder den ganzen langen Weg von Damaskus nach Aifenmoor reisen, da Fionnuala ihnen eine Sumpffee zur Verfügung stellt, die sie über denselben Weg, den damals Daowyn nahm, nach Irland bringt.
Als sie dort ankommen, müssen sie feststellen, daß die düstere Ausstrahlung, die schon damals über dem Moor lag, sich immer noch nicht gebessert hat, auch die abwesenden Tiere sind nicht zurückgekehrt. Selbst die zähen Moorpflanzen scheinen nach und nach abzusterben, die Bäume sind dürr und blattlos und haben den Kampf ums Überleben schon lange aufgegeben. Das einzige, was noch gut wächst, sind Pilze, Flechten und stinkende Moose, die aber alle seltsam farblos und verformt erscheinen. Die Kälte dringt hier mit dem feuchten, klebrigen Nebel in jede Pore ein und läßt selbst den stoischen Henry erschaudern.
Als die kleine Gruppe an den Ort kommt, wo früher das Dorf stand, müssen sie sehen, daß alle Häuser und auch die Kirche völlig im Erdboden versunken sind, nur hier und dort ragt noch ein einzelner Dachgiebel aus der stinkenden Masse von Moosen und schleimigen Flechten. Ein Haus jedoch steht noch – etwas zerfallen und verlassen zwar, aber eine Aura von Ruhe und Geborgenheit ausstrahlend, die den müden Reisenden Rast und Ruhe verspricht: Mollys Haus. Selbst der schmale Salzkreis, den Quintus und Henry vor über einem Jahr mit Sir Garth errichteten, ist nicht unterbrochen worden.
Nachdem sie sich in Mollys Haus eingerichtet haben, gehen die Reisenden wieder los, um nach der versunkenen Aifenfeste und Sir Garths Grab zu sehen. Auf dem jetzt sehr viel kleineren Hügel angekommen, sehen sie, daß dort, wo das Erdreich die Burg verschlungen hat, eine Art Platte aus einem schwarzen, glasartigen Material liegt, die das ganze Gebiet der ehemaligen Festung völlig bedeckt.
Am Rand der merkwürdigen Platte finden sie schließlich auch das Grab von Seans Schwiegervater: Das Kreuz, das Sir Quintus und der Drachentöter darauf errichteten, ist umgestürzt und von einem seltsamen Schleim besudelt worden, und statt Blumen wachsen auch dort die zu großen, giftiggrünen Pilze. Entsetzt über diese Entweihung reinigt Sir Quintus das Kreuz notdürftig und stellt es mit Seans Hilfe wieder auf. Kaum steht das Heilige Symbol wieder aufrecht, als der Geist von Sir Garth erscheint. Er wirkt allerdings sehr schwach und flackernd, außerdem ist sein durchscheinender Körper mit seltsamen Wunden und entzündeten Schwären überzogen. Der Geist des alten Ritters warnt seinen ehemaligen Knappen und die anderen, daß hier des Nachts Dämonen spielen würden, vor denen sie nur in Mollys Haus sicher wären. Er beschwört die Lebenden eindringlich, die Hütte unter keinen Umständen zu verlassen, da sie sonst des Todes wären und nimmt Sir Quintus sogar einen diesbezüglichen Eid ab.
Da es schon recht spät ist, ziehen sich alle in Mollys Haus zurück. Kurz nach Sonnenuntergang bestätigen sich Garths Warnungen: In den ehemaligen Dorf erscheinen Dutzende der Spottgestalten, kleine und große, dürre und dicke, aber alle häßlich und entstellt durch Hörner, riesige Warzen, Buckel, Klumpfüße und andere Verwachsungen. Sie verhöhnen die Menschen in ihrer Hütte und fordern sie auf, doch herauszukommen und mit ihnen zu spielen. Als die sich natürlich weigern, ziehen die Teuflischen Sir Garths Geist aus seinem Grab und beginnen, den Ritter zu quälen und zu foltern. Aber nicht einmal dessen Schreie können die lebenden Menschen verleiten, ihren Eid zu brechen und den Schutz des Hauses zu verlassen. Schlafen kann allerdings in dieser Nacht niemand.
Als sich Sir Quintus, Sean und die anderen beiden am nächsten Tag wieder mit Sir Garth beraten, müssen sie feststellen, daß der Geist noch durchscheinender und verwundeter erscheint als gestern. Dennoch kann ihnen der Ritter mit schwacher Stimme berichten, daß die Dämonen am Abend unter der Platte hervorkriechen – oder vielleicht auch aus der Platte? Garth ist sich nicht sicher. Als Henry daraufhin einfach einmal versucht, auf die schwarze Fläche zu klettern, werden seine Fußsohlen, mit denen er auf dem seltsamen Material steht, sofort unerträglich heiß, obwohl er keine Hitze unter sich spüren kann. Als nächstes versucht er, die Platte mit der Hand zu berühren und holt sich dabei eine große, überaus schmerzhafte Brandblase. Auch diesmal fühlte sich schwarze Fläche keineswegs warm an.
Sir Garth gibt seinem ehemaligen Knappen den Rat, den Geist des Moores zu suchen, denn nur sie kann ihnen jetzt noch helfen. Um sie zu finden, müßte er sich nur weg vom Herzen der Verderbnis – der Aifenfeste – bewegen und dann dem ersten lebenden Wesen, das er sähe, folgen.
Quintus und die anderen brechen sofort auf, und schon nach kurzer Zeit sehen sie einen kleinen Vogel, der vor ihnen davonfliegt. Als sie dem Tier folgen, kommen sie langsam in freundlichere Gefilde: Zwar ist es immer noch kalt und winterlich, aber die Luft hier ist klar und rein und erfüllt mit den Geräuschen von Tieren und dem Wind. Schließlich kommen sie zu einer kleinen, verschneiten Hütte, vor der eine junge Frau steht und gerade ein krankes Reh füttert.
Als sie die Ankommenden sieht, lädt sie sie in ihre Hütte ein, wobei sie jeden von ihnen mit seinem Namen anspricht. Nach ihrem eigenen gefragt, stellt sie sich als Molly vor – und als Geist des Moores. Sie weiß von der Verderbnis des Aifenmoors, kann aber selbst nichts dagegen tun, da sie sofort sterben würde, wenn sie auf das Gebiet des Bösen käme. Allerdings weiß sie, was zu tun ist, um das Land zu heilen: Auf den Mauern der Aifenfeste muß ein Weißdornbaum gepflanzt werden, denn unter der schwarzen Platte ist die alte Burg immer noch sehr intakt. Sie kann den Menschen einen Samen anvertrauen, der aber braucht Licht zum Wachsen. Sicher kann sie Irrlichter zur Burg schicken, aber auch die würden erst nachts eintreffen, und niemand könne sicher sein, daß sie rechtzeitig kämen. Dennoch sind die vier Männer bereit, das Risiko einzugehen, um das Aifenmoor zu retten.
Nachdem der Plan beschlossene Sache ist, geht Molly kurz hinaus ins Moor und kehrt wenig später mit einem kleinen, völlig unauffälligen Samenkorn zurück. Diesen Schatz übergibt sie Sir Quintus, der schwört, ihn auf der höchsten Zinne der Aifenfeste einzupflanzen.
Kurz vor Sonnenuntergang kommen die Männer wieder bei der Burg an. Hier kann ihnen Sir Garth noch einmal helfen: Es gibt einen alten Geheimgang in die Feste hinein, der noch intakt sein müßte. Dennoch ist es an diesem Tag zu spät dafür: Schon bricht die Nacht herein, und mit ihr kommt neuer Dämonenspuk. Aber auch in dieser Nacht gelingt es den Teuflischen nicht, die Menschen aus Mollys Haus herauszulocken, wiewohl sie sich den Geist des alten Ritters auch in dieser Nacht vornehmen.
Am nächsten Morgen sind die vier zwar übernächtigt und müde, aber auch entschlossen, dieser Sache ein Ende zu machen. Leicht finden sie den von Garth beschriebenen Geheimgang und gelangen so in der Keller der Burg, der noch völlig intakt ist. Dort entdecken sie das vollständig eingerichtete Laboratorium eines Magiers, wahrscheinlich das Alocars. In dem großen Raum steht auf einem Podest ein gläserner Sarg. Als Sean hinüber geht, um ihn näher anzusehen, wird ihm fast übel: In dem Sarg liegt die Leiche eines vielleicht fünfjährigen blonden Knaben, in dessen Körper sich Tausende von kleinen, widerlich schwarzen Maden bewegen. Aus den Aufschrieben des teuflischen Magiers geht hervor, daß jede dieser abscheulichen Maden eine andere Krankheit auslöst, wenn man sie aus dem Seuchensarg nimmt.
Erschüttert gehen die Gefährten weiter, bis sie in die Halle kommen, in der Quintus und Henry damals dem Feuerdämon gegenüberstanden. Auch heute werden sie hier wieder von einer der teuflischen Kreaturen angegriffen, allerdings auf eine subtilere Art.
Jeder von ihnen sieht in seinen Gefährten plötzlich grauenhafte Monster, so erscheint Sir Quintus Sean als verkappter Dämon, während der Ritter in dem Iren eine schauderliche Spottgestalt, nicht ganz Mensch und nicht ganz Wolf, erblickt. Was Chrysos sieht, ist so schrecklich, daß der Diener sich in Panik zusammenrollt und nicht mehr rührt. Quintus und Sean beginnen zu kämpfen. Einzig Henry behält einen klaren Verstand: Was er hier sieht, kann so nicht sein, also will er sehen, wie es wirklich ist. Durch pure Sturheit gelingt ihm das auch: Auf einem Balken in der Hallendecke entdeckt er einen kleinen kichernden Teufel, der die Ursache für dieses grausame Narrenspiel zu sein scheint. Wutentbrannt schleudert der Engländer seine schwere Axt nach dem Teufelchen und das Wunder geschieht: Er trifft den kleinen Dämon und schleudert ihn zu Boden, wo er dem Wesen dann mit seinem Dolch den Garaus macht. In diesem Moment erlöschen die Illusionen und Sir Quintus und Sean erkennen, daß sie sich fast gegenseitig getötet hätten. Es dauert etwas länger, Chrysos zu beruhigen, aber schließlich gelingt auch dies.
Als sie aus der Halle treten, sehen sie, daß sie sich tatsächlich unter der schwarzen Platte befinden. Im Hof liegt immer noch das Skelett des toten Drachen und grinst sie höhnisch an. Davon läßt sich aber allenfalls Chrysos beeindrucken, der Rest beginnt, Erde aufzukratzen, damit sie etwas haben, worin sie den Samen einpflanzen können. Danach klettern sie über die etwas brüchigen Stufen auf den Turm der Aifenfeste und Quintus pflanzt den Samen ein. Jetzt müssen sie nur noch auf die Nacht warten.
Schließlich ist es soweit: Von oben können sie schon die ersten Dämonen rumoren hören, als die Irrlichter eintreffen. Aber trotz ihres hellen Scheins geschieht zunächst überhaupt nichts. Selbst als einige Teufel auf die Zinne herab stoßen und die vier Menschen angreifen, rührt sich der Same des Weißdornbaums nicht. Die verzweifelten Männer beginnen einen aussichtslosen Kampf gegen die Übermacht der Dämonen, aber bald schon wird als erster Henry verwundet. Als jedoch sein Blut auf die Erde fällt, sieht er, wie sich ein kleiner Sprößling zu entwickeln beginnt. Schnell begreift er, daß der Same auch Flüssigkeit zum Wachsen braucht und läßt noch mehr Blut auf ihn fallen. Als auch Quintus und Chrysos verstehen und ihr Blut spenden, beginnt der Sprößling immer schneller zu wachsen. Zunächst webt er ein undurchdringliches Geflecht aus Ästen um die vier Menschen, dann wächst er mit aller Macht gegen die Platte über ihnen an und sprengt sie nach kurzer Zeit weg. Damit verschwinden die Dämonen, was das wütende Wachstum des jungen Baumes verlangsamt, aber nicht aufhält.
Der Weißdornsproß wächst weiter und weiter, bis seine Wurzeln schließlich die gesamte Aifenfeste überwuchern. Auch das Moor fordert seinen Teil. Schnell und unauffällig dringen Wasser und Schlamm in die alte Burg ein.
Als die Sonne am nächsten Morgen aufgeht, ist von der Festung unter dem mächtigen Baum kaum noch etwas zu erahnen. Das erste Mal seit Jahren wird der Tag hier wieder von Vögeln begrüßt, die sich jetzt schon in den Ästen des Baumes eingefunden haben.
Sir Garths Grab ist unter den Wurzeln fast verschwunden, aber als sein Geist an diesem Morgen wieder auftaucht, wirkt er jünger und stärker als jemals zuvor. Er wurde zum Wächter dieses Landes ernannt und wird nun dafür sorgen, daß es endlich heilt.
Noch einmal beschreiten die Gefährten den rasch im Moor versinkenden Geheimgang und holen den Seuchensarg aus dem Laboratorium. Dieses Instrument der Verderbnis vertrauen sie der Sorge des Geistes des Moors an, die hofft, daß sie die Leiche des Kindes wieder reinigen kann.
Auf dem Rückweg durch die Feenreiche verlaufen sie sich etwas und landen unversehens auf einem Feenfest in Arcadia selbst. Dort macht Sir Quintus sich unbeliebt, indem er Gott und dessen Macht erwähnt. Nach ihrem Rauswurf finden sie den Weg zurück dann doch durch die Hilfe ein paar freundlicher Trolle, die Fionnuala sehr schätzen, und können in den Bund zurückkehren.

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Julius lernt, durch Wände zu gehen, was ihn zwar jedesmal etwas seiner Substanz kostet, aber dennoch seiner Meinung nach eine sehr wertvolle Fähigkeit ist. *
Andrew begibt sich nach Al-Arama, um sich kundig über Hermetische Gesetze zu machen. Er weiß sehr genau, daß auf dem Tribunal im Frühling über den Wirbel, den er und Mentalia in Jerusalem veranstaltet haben, beraten werden wird.
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Marganma

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