Serpentia

Die Goldene Stadt

Winter 1186

Terminus, Andrew, Theobald, Alen

Als eines Tages die Grogs einmal wieder von einem Einkauf aus Damaskus zurückkehren, hat einer von ihnen in einer Taverne ein neues Lied gelernt, daß ihm sehr gut gefällt. Kaum hat jedoch Theobald diese Melodie gehört, als er dem unglücklichen Mann fast an die Kehle geht und ihn mit mühsam beherrschter Wut fragt, woher er das Lied kennt. Ralph de Journes antwortet ihm, daß er es gehört habe, als er im christlichen Viertel in einer Schenke saß und einer rothaarigen Schottin mit dunklen Augen lauschte. Voller Entsetzen stößt Theobald den verwirrten Mann von sich und stürmt zu Terminus´ Labor. Denn er kennt dieses Lied – es ist dieselbe Melodie, die Moran NicLochlann, die teuflische Mutter der Brüder, immer vor sich hin sang. Und der Text ist ihm wohlvertraut:

Dunkler Pfad, den wir beschreiten – all´ durch die Nacht
Dunkler Wunsch soll uns nun leiten – all´ durch die Nacht
Denn wir dienen Schmerz und Pein,
Morgen ist nur eitler Schein
Verzweiflung wird uns Hoffnung sein – all´ durch die Nacht.

Auch Terminus ist entsetzt, dieses Lied, dem er doch mitsamt seiner grausamen Eltern entronnen zu sein glaubte, jetzt erneut zu hören – vor allem, als er die Beschreibung der Sängerin hört: Denn auch seine Mutter war rothaarig und dunkeläugig. Sollte sie den Angriff des Tytalus Malfaitar vor so vielen Jahren etwa doch überlebt haben?
Eine genauere Befragung von Ralph de Journes erweist sich auch nicht als allzu beruhigend: Zwar war der Text des Liedes ein anderer, aber die Beschreibung der Schottin paßt doch allzu gut auf Terminus´ und Theobalds Mutter. Und ihr Name, wie Ralph ihn gehört hat, lautet Moran. Zudem scheint sie seit jenem schicksalshaften Tag, an dem Terminus beinahe von seinem eigenen Vater geopfert worden wäre, nicht mehr gealtert zu sein: Der Grog beschreibt eine junge Frau, die kaum die Zwanzig überschritten haben kann.
Beunruhigt und nicht wenig beängstigt beschließen die MacLochlann-Brüder nach langem Nachdenken, nach Damaskus zu reisen und sich die mysteriöse Sängerin selbst anzuschauen. Da Terminus befürchtet, daß sie – falls sie seine Mutter ist – einige Macht besitzen könnte, bittet er auch Andrew, sich ihm anzuschließen. Der Jerbiton stimmt zu, und so brechen am Tag darauf die beiden Magier mit ihren Leibgrogs auf.
In Damaskus angekommen, beziehen die vier Männer zunächst Quartier bei Aladin. Durch einige Nachforschungen bekommen sie schnell heraus, daß die Frau, die sich tatsächlich Moran NicLochlann nennt, immer noch in jener Herberge im christlichen Viertel weilt. Da Terminus fürchtet, von ihr erkannt zu werden, tarnt er sich und seinen Bruder mit einem Zauber, bevor die vier Gefährten dorthin aufbrechen.
Als sie in der Schenke ankommen, ist es noch früh am Nachmittag und von der Rothaarigen ist nichts zu sehen. Schon bald aber hören sie, wie einer der Gäste, ein großer Mann mit den Muskeln eines Schmiedes, den Wirt nach „Moran“ fragt. Dieser entgegnet, sie werde demnächst herunterkommen. Aus dem Gespräch erfahren Terminus und die anderen zusätzlich, daß sie wohl schon bald aufbrechen wolle, und deshalb morgen eine große Abschiedsvorstellung geben werde.
Schließlich geht der große Mann die Stufen hinter dem Schankraum zu den Gästeräumen hinauf. Dabei allerdings kommt ihm eine Frau mit roten Haaren und einer keltischen Harfe in der Hand entgegen und begrüßt ihn freudig. Es ist leicht zu erkennen, daß die beiden Freunde sind.
Als die jung erscheinende Frau den Schankraum betritt, verzerren sich Terminus´ Züge vor Angst und wütendem Haß. In der Sängerin glaubt er seine verfluchte, lang totgeglaubte Mutter zu erkennen. Auch Theobald kann sich nur mühsam beherrschen.
Die Rothaarige bemerkt allerdings von all dem nichts. Viele der Gäste der Schenke scheinen sie zu kennen und begrüßen sie freudig. Sie entgegnet die Grüße voller Fröhlichkeit und scheint auch sonst weit davon entfernt, eine bösartige Dämonistin zu sein, so freundlich und natürlich scheint ihre Freude zu sein. Auch sie kündigt noch einmal an, daß sie in den nächsten Tagen die Stadt verlassen würde, um mit einigen Freunden auf eine große und geheimnisvolle Suche zu gehen. Daher würde sie morgen das letzte Mal in dieser Schenke auftreten. Ihr Publikum scheint ihren Abschied ehrlich zu bedauern, und viele versprechen, morgen ganz sicher da zu sein.
Nach dieser Ankündigung tritt die Rothaarige zu einem Tisch, an dem schon mehrere andere Leute sitzen. Die Gruppe besteht aus scheinbar sehr verschiedenen Menschen: Einem hünenhaften Dänen, einem schlanken Araber, einer kleinwüchsigen Spanierin und ihrem kräftigen Leibwächter, einem dicklichen jungen Mann und einem spitznasigen, etwas abgerissenen Franzosen. Dies sind offenbar die Leute, die mit Moran auf die geheimnisvolle Expedition gehen wollen.
Schließlich verabschiedet sich die junge Frau spät am Abend von ihren Gefährten. Statt nun aber auf ihr Zimmer zu gehen, verläßt sie die Herberge. Theobald beschließt, sie zu verfolgen, während Terminus versuchen will, von der Reisegruppe zu erfahren, welches Ziel sie denn eigentlich haben. Dies gelingt ihm schließlich auch, und so bekommt er heraus, daß die sieben ungleichen Gefährten sich auf der Suche nach der Goldenen Stadt befinden. Diese Stadt soll der Legende nach nur alle 33 Jahre irgendwo in der Wüste erscheinen und ungeheure Schätze, aber auch unsägliche Gefahren bergen. Der Wirt rät dem Magier schließlich, sich doch an al-Mustarjid, einen alten Geschichtenerzähler, zu wenden, wenn er mehr über diese merkwürdige Erscheinung wissen will.
In der Zwischenzeit ist es Theobald nicht sehr schwer gefallen, der rothaarigen Frau zu folgen. Sie wirkt ziemlich zuversichtlich, denn obwohl sie ihr Weg in die schlechteren und gefährlicheren Gegenden von Damaskus führt, scheint sie keinerlei Angst vor einem Überfall zu haben. Schon nach kurzer Zeit erreicht sie ihr Ziel: Die Straße der Roten Laternen, wo sich die Huren der Stadt an ihre Freier verkaufen. Sie spricht dort kurz, aber sehr herzlich mit einigen der käuflichen Mädchen und wird schließlich von einer von ihnen zu einem Haus geführt. Dort kann Theobald beobachten, wie sie sich mit offensichtlicher Wärme von Neneh, einer stadtbekannten Diebin und einer alten Freundin von Sir Quintus, unterhält und schließlich auch wieder Abschied nimmt.
Auf dem Rückweg kommt es dann noch zu einem etwas seltsamen Zwischenfall: Als die Rothaarige von einem Räuber angegriffen und fast vergewaltigt wird, kann sie sich seiner im letzten Augenblick nur dadurch erwehren, daß sie ein Lied singt, dem offenbar Zauberkraft innewohnt und mit dem sie die Männlichkeit ihres Angreifers erschlaffen läßt. Als der verhinderte Vergewaltiger jedoch entsetzt vor ihr flieht, setzt sie ihm weder nach, noch stößt sie einen der tödlichen Flüche aus, die einer Satansdienerin doch eigentlich zur Verfügung stehen müßten. Theobald ist von dem Vorfall einigermaßen verwirrt.
Wieder bei Aladin, beschließen die vier Männer, daß Andrew und Alen versuchen sollen, sich in die Reisegruppe einzuschleichen, während Terminus und Theobald der kleinen Karawane heimlich folgen wollen. Zuvor jedoch möchte der schottische Magier noch zum einen mit der Diebin Neneh, zum anderen mit dem alten Geschichtenerzähler al-Mustarjid sprechen.
Von Quintus´ alter Freundin kann er allerdings nicht viel erfahren. Sie ist der Meinung, daß Moran NicLochlann eine wirklich freundliche Frau ist und hat sich schon vor einiger Zeit mit der Sängerin und Geschichtenerzählerin angefreundet. Beim gestrigen Besuch, erfährt Terminus, habe sich die Schottin nur verabschieden wollen.
Auch al-Mustarjid ist recht begeistert von der Rothaarigen. Durch seine Geschichten erst sei sie ja auf die Idee gekommen, nach der Goldenen Stadt zu suchen. Auch Terminus erzählt er gerne von jenem mysteriösen Ort:
_Vor vielen, vielen Jahren, bevor noch die Propheten ihre Botschaft von Gott erhielten, da gab es eine große und schöne Stadt, die wegen ihres Reichtums und des Glückes ihrer Bewohner nur die Goldene Stadt hieß. Ihr König regierte sie mit Weisheit und Voraussicht, und ihre Königin war so freundlich und schön wie die Morgensonne. Gemeinsam wurden die beiden alt, und ihre Liebe war eine Freude für Menschen und Götter gleichermaßen. Aber schließlich, nach vielen Jahren des Glücks, starb die Königin in hohem Alter. Da wurde der König sehr zornig, und er fluchte wider die Götter. Da er ein großer Magier war, verbannte er schließlich sogar den Tod aus seiner Stadt, sodaß nie wieder jemand sterben möge. Die Götter aber waren verärgert über diese Anmaßung eines Sterblichen und so verfluchten sie nun ihrerseits die Goldene Stadt. Nur aller 33 Jahre kann diese nun in der Welt der Menschen erscheinen. _
Diese Geschichte ist schon sehr alt und wird seit vielen Jahren in Damaskus erzählt. Viele sind schon losgezogen, um die Goldene Stadt zu suchen, aber die meisten sind niemals oder mit leeren Händen zurückgekehrt. Auf Terminus´ Drängen jedoch verrät al-Mustarjid dem Magier, daß er selbst es einmal geschafft hat, die Stadt zu finden und auch wieder zu verlassen. Und das kam so:
Als er noch ein junger Mann war, war er voller Abenteuerlust, und die Geheimnisse der Goldenen Stadt lockten ihn mehr als der Kaufmannsberuf, den er nach dem Willen seines Vaters erlernen sollte. Also machte er sich auf die Suche, und schließlich erfuhr er von einem blinden alten Mann, daß man, um in die Goldene Stadt zu gelangen, dem Auge des Löwen folgen müsse. Da der junge Mann in Astronomie gebildet war, wußte er sofort, welcher Stern gemeint war, und so fand er die Stadt schließlich auch. Als er sie betrat, war er wie geblendet von dem Reichtum der Bewohner und ihrer Häuser. Doch die Menschen der Stadt waren seltsam: Nichts schien sie zu interessieren, in träger Lethargie liefen sie wie Schlafwandler durch die Straßen. Schließlich wurde der junge Mann im Königspalast als Fremder erkannt und vom König selbst gebeten, ihm eine Geschichte zu erzählen. Und noch eine. Und noch eine. Schließlich erkannte er, daß die Einwohner ihn niemals gehen lassen würden. Und da er wußte, daß die Stadt sich nur drei Tage in der Welt der Sterblichen befindet, drängte ihn schon bald die Zeit. Aber es gelang ihm unter großen Mühen, wieder aus der Stadt zu fliehen. Doch kaum hatte er ihre Grenzen überschritten, als alles Gold und alle Juwelen, die er mitgenommen hatte, sich in Sand und Kieselsteine verwandelten. So ging er zurück nach Damaskus und wurde hier Geschichtenerzähler…
Nachdem Terminus diese Erzählung gehört hat, beschließt er, Morans Gruppe mit Theobald nicht zu folgen, sondern voran zu reisen. Er hofft, dadurch in der Stadt herausfinden zu können, was sie eigentlich plant, und es schon im Vorfeld verhindern zu können.
Als sich die vier Männer schließlich am Abend wieder bei Aladin treffen, berichtet Andrew, daß es ihm und Alen ohne Probleme gelungen sei, in die Reisegruppe aufgenommen zu werden. Die Rothaarige schien kein bißchen mißtrauisch zu sein. Allerdings ist es dem Jerbiton nicht gelungen, herauszufinden, was Moran eigentlich in der Goldenen Stadt will.
Am nächsten Tag machen sich Terminus und Theobald frühzeitig auf den Weg, während Andrew und Alen dafür sorgen, daß sich die Abreise der anderen etwas verzögert. Da die schottischen Brüder die besseren Pferde haben, treffen sie schon am Abend des zweiten Reisetages an dem Ort ein, wo die Stadt wahrscheinlich erscheinen wird.
Und das tut sie am nächsten Morgen dann auch tatsächlich. Wie aus dem Nichts erscheint vor Terminus und Theobald eine prächtige Stadt mit goldenen und silbernen Mauern, edelsteingeschmückten Dächern und mit Marmor gepflasterten Straßen. Die Bauweise der Häuser erscheint fremdartig, aber wunderschön zierlich und verspielt. Die Gebäude der Goldenen Stadt, die ihrem Namen alle Ehre macht, streben alle gen Himmel und strahlen auch nach so vielen Jahren noch die Freude ihrer Erbauer aus.
Jedoch schon bald müssen die Brüder feststellen, daß die Häuser trotz ihrer Schönheit vernachlässigt sind. Zwar sieht man keine eingestürzten Dächer oder Mauern, aber die prachtvollen gläsernen Fenster sind blind, und überall findet sich Staub oder Spinnweben. Auch auf den Straßen, in deren Marmor farbige Mosaike aus Halbedelsteinen eingelegt sind, liegt allerlei Unrat herum: Weggeworfene Kleidung, Spielzeug, sogar Töpfe und Pfannen. Dennoch liegt kein Gestank in der Luft, statt dessen riecht die ganze Stadt irgendwie muffig und staubig.
Die Bewohner tragen ihre prächtigen Kleider aus feinsten Stoffen wie Lumpen am Leib, und wenn einmal ein kostbarer Ring von einer Hand fällt, so wird das kaum bemerkt, geschweige denn, daß das Kleinod aufgehoben würde. Die Gesichter der Menschen wirken stumpf und verhärmt, die meisten bringen kaum die Energie auf, sich überhaupt zu bewegen oder irgend etwas zu tun. Keiner von ihnen scheint etwas größer zu beachten, auch die Neuankömmlinge werden von den blicklosen, apathischen Augen nicht bemerkt. Die Straßen sind still, nirgends ist ein Gespräch, ein Lachen oder ein Lied zu hören. Die Kinder der Goldenen Stadt spielen nicht, die Hunde hier bellen nicht: Alle liegen oder sitzen nur lethargisch in der Sonne, und nur einige wenige schlurfen ziellos umher.
Schließlich geht den Brüder auf: Mit dem Tod hat der König auch die Geburt aus der Stadt verbannt, wo nichts stirbt, kann auch kein neues Leben entstehen. Die Kinder hier werden niemals erwachsen werden, eine Knospe hier nie zur vollen Blüte kommen. Das entsetzliche Schicksal der Menschen der Goldenen Stadt ist es, ständig in demselben Zustand zu existieren, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Am eindringlichsten sehen Terminus und Theobald dies, als sie eine hochschwangere Frau sehen, die ihr Kind niemals zur Welt bringen wird. Der Fluch der Unsterblichkeit liegt schwer auf der Goldenen Stadt.
Ziellos und entsetzt durchstreifen die beiden Männer die Straßen. Auch der Palast des Königs bleibt ihnen nicht verschlossen: Schon lange haben die Torwachen jegliches Interesse an ihren Pflichten verloren. Endlich, nach mehreren Stunden, hören die Brüder leise Stimmen und entdecken, daß nun auch Moran und ihre Gefährten angekommen sind. Es ist Terminus nun ein leichtes, sich mit Andrew zu treffen und die Lage zu diskutieren.
Dabei kann der Jerbiton zunächst berichten, daß er an Moran keinerlei Hinweise für eine Verbindung mit satanischen Kräften feststellen konnte. Sicher, sie ist nicht sonderlich gläubig, aber sie scheint doch viel zu fröhlich und offen für eine Dämonistin. Immerhin weiß Andrew jetzt, was sie in der Stadt sucht: Das Zepter und die Krone des Königs und das letztgeborene Kind. Sie hat als Grund für diese ungewöhnlichen Wünsche angegeben, daß sie gerne ein paar Trophäen hätte, außerdem scheint sie der Meinung zu sein, daß es möglich sei, das Kind aus der Stadt zu holen. Terminus fallen ein paar sehr viel finsterere Gründe ein, daher möchte er das Kind selbst retten.
Da er und sein Bruder schon vor einiger Zeit an einem Haus vorbeigekommen sind, daß offenbar als eine Art Kinderkrippe oder Waisenhaus dient, beschließt der Tytalus, seine Suche dort zu beginnen. In dem Gebäude, wo die bewegungslosen Säuglinge in ihren Betten liegen, treffen die Brüder eine jung aussehende Frau, die sich um die Kleinkinder zu kümmern scheint. Nachdem sie ein wenig mit ihr gesprochen haben, erfahren sie, daß ihr Name Anya ist und sie sich „erst“ seit etwa 300 Jahren in der Goldenen Stadt aufhält. Sie kam auf der Suche nach Schätzen hierher, wurde dann aber so lange festgehalten, daß sie den dritten Sonnenuntergang verpaßte und nun für immer bleiben muß. Da sie nicht völlig abstumpfen will, widmet sie sich nun der Pflege der völlig apathischen Säuglinge – nicht daß dies nötig wäre, denn die Kinder müssen weder essen noch trinken, und auf menschlichen Zuspruch reagieren sie nur sehr wenig. Da Terminus der unglücklichen Frau helfen möchte, überredet er sie, mit ihm und seinem Bruder die Stadt zu verlassen. Schließlich stimmt sie zu, obwohl sie der Meinung ist, daß dies ihren Tod bedeuten würde.
Da weder Terminus noch Theobald bereit sind, die Nacht innerhalb der Stadtmauern zu verbringen, verlassen sie die Stadt gegen Abend. Als jedoch Anya das erste Mal seit über 300 Jahren den Sand der Wüste betritt, zerfällt ihr Körper in Sekundenschnelle, sodaß nichts von ihr übrig bleibt als ein kleines Häufchen Staub. Dennoch schien sie in ihren letzten Augenblicken noch einmal so etwas wie Freude erlebt zu haben: Ihr letztes, gehauchtes Wort ist „Danke“.
Auch die andere Gruppe verbringt die Nacht nicht in der Goldenen Stadt, und so können Terminus und Theobald sich noch einmal mit Andrew treffen, der aber keine neuen Informationen hat – außer der Tatsache, daß Moran von den Zuständen in der Stadt genauso abgestoßen und betroffen war wie alle anderen auch.
Am nächsten Morgen begibt sich Terminus mit seinem Bruder wieder zurück in die Stadt. Zunächst beobachten die beiden Moran und ihre Gefährten, wie sie zum Palast gehen und dort Nachforschungen nach dem letztgeborenen Kind anstellen und außerdem schon auskundschaften, wie man Krone und Zepter am besten stehlen könne. Als klar wird, daß die anderen noch keine Vorstellung haben, wie sie das Kind finden könnten, begeben sich Terminus und Theobald zu einer Hebamme, die ihnen Anya genannt hat.
In dem staubbedeckten Haus der alten Frau, die lethargisch in einer Ecke auf einem kostbaren Stuhl sitzt, finden die Brüder schließlich einen winzigen Säugling, ein kleines Mädchen. In der Überzeugung, das letztgeborene Kind gefunden zu haben, verlassen Terminus und Theobald das Gebäude wieder – nur um zu sehen, wie Moran und ihre Gefährten recht zielstrebig auf sie zukommen.
Die rothaarige Schottin spricht die beiden Männer an, scheint sie aber nicht zu erkennen – was auch recht schwierig gewesen wäre, da die Brüder ihr Aussehen immer noch durch einen Spruch getarnt haben. Sie stellt sich ihnen vor und möchte gerne wissen, was sie mit dem Kind vorhätten. In einem längeren Gespräch kann Terminus sie überzeugen, daß sie nur das Beste für die Kleine im Sinn hätten und daß sie sie unter keinen Umständen mehr hergeben würden. Schließlich läßt sich die Frau, deren Verhalten so gar keine Ähnlichkeit mit dem der Mutter der Brüder hat, anscheinend überzeugen, sodaß Terminus und Theobald die Stadt sofort verlassen. Zwar haben sie Angst, daß dem kleinen Mädchen etwas Ähnliches zustößt wie Anya, dennoch sind sie der Meinung, daß sie das Wagnis eingehen müssen. Aber trotz ihrer Befürchtungen geschieht dem Kind nichts, als sie die Wüste betreten. Im Gegenteil: Das erste Mal seit vielen Jahrhunderten verspürt die Kleine wieder Hunger und Durst. Offenbar ist es durchaus möglich, daß sie außerhalb der Goldenen Stadt wie ein normales Kind heranwächst.
Zwar hatte Theobald auf dem Rückweg auf Anzeichen von Verfolgung geachtet, aber er konnte nichts bemerken. Tatsächlich wurden die Brüder aber von Moran beobachtet, die ihre Anwesenheit mit einem Zauberlied verschleiern konnte. Am Lagerplatz der beiden wurde sie dann Zeuge, wie Terminus den Zauber, der sein Aussehen verändert, fallen läßt und die wahren Gesichter der beiden Männer zu Tage treten.
In der Stadt werden zunächst Alen und Andrew, den sie offenbar schon länger als Magier erkannt hat, außer Gefecht gesetzt – Andrew durch einen Schlaftrunk und Alen durch einen gezielten Schlag auf den Hinterkopf. Dann verläßt Moran in Begleitung des spanischen Leibwächters und des hünenhaften Dänen die Stadt und überrascht Terminus und Theobald an ihrem Lagerplatz.
Dort fordert sie die beiden auf, daß Kind sofort herzugeben – sie hätte in ihnen Schotten vom Clan der MacLochlanns erkannt, und es wisse ja jeder, daß alle MacLochlanns Dämonisten wären. Und einem Satansdiener würde sie das kleine Mädchen nicht überlassen. Terminus ist von diesen Ausführungen einigermaßen verblüfft. Auf seine drängende Frage, wie alt sie denn genau sei, antwortet Moran ihm, sie wäre vor etwa 24 Jahren im Frühling geboren worden – also ein halbes Jahr nach jenem Schreckensritual in dem kleinen schottischen Dorf.
Bei dem Gespräch erfährt der Tytalus weiterhin, daß ihre Mutter im Alter von etwa 13 Jahren während eines seltsamen Rituals von einem etwa gleichaltrigen Jungen aus dem Clan der MacLochlann geschwängert worden sei und in einen Wald fliehen konnte, bevor ihre ebenfalls satansdienenden Eltern ihr das ungeplante Kind wegnehmen oder es gar töten konnten. In dem Wald wurde sie von ein paar Feen aufgenommen und starb bald darauf bei der Geburt ihrer Tochter Moran. Das Mädchen wuchs bei dem Kleinen Volk auf, bis sie vor zwei oder drei Jahren wieder zurück in die Welt der Menschen ging. Seitdem ist sie unterwegs, unter anderem auch auf der Suche nach ihrem Vater, der nach ihren Informationen irgendwo in Arabien leben soll. Jetzt erst versteht Terminus: Moran NicLochlann, wie sie vor ihm steht, ist nicht etwa seine Mutter, sondern seine Tochter!
Voller Freude nimmt er die junge Frau in seine Arme. Sie erwidert seine Umarmung mit überschäumender Begeisterung, dann fällt sie „Onkel Theobald“ um den Hals. Der allerdings ist sehr viel zurückhaltender, denn er traut ihr immer noch nicht so ganz – sie könnte ja eine Betrügerin und Spionin der Infernalen sein. Aber an diesem einen Abend will Terminus nichts von dem Mißtrauen seines Bruders wissen – er ist überglücklich, endlich seine Tochter gefunden zu haben.
An diesem Abend gibt es eine große Feier, an der sich auch Alen, Andrew und Morans Reisegefährten beteiligen. Während dieses Festes sagt Terminus Moran seine Hilfe bei der Beschaffung der Krone und des Zepters des Königs zu, und die beiden schmieden solange begeistert Pläne, bis die Müdigkeit sie übermannt und sie endlich schlafen gehen. Schon bald sind Theobald und Andrew die einzig Wachen im Lager.
In dem ruhigen Gespräch zwischen den beiden Männern stellt Terminus´ Bruder fest, daß der Jerbiton seine Vorbehalte dem neuen „Familienmitglied“ gegenüber teilt. Beide sind sich einig, daß der Diebstahl von Krone und Zepter keine sonderlich gute Idee sein kann. Um dies zu verhindern, beschließen sie, noch einmal in der Nacht in die Goldene Stadt zu gehen. Dort wollen sie versuchen, dem unseligen König die Frohe Botschaft zu überbringen und ihn so vielleicht zur Einsicht zu bewegen.
Tatsächlich ist es ihnen ein leichtes, zum Herrscher der Stadt zu gelangen. Und in der mondbeschienenen Nacht in jenem fast unwirklich erscheinenden Palast sprechen die beiden Männer mit dem alten König der Goldenen Stadt. Sie sprechen zu ihm von Jesus Christus und seiner Botschaft der Liebe, sie sprechen von Gott, der seinen eigenen Sohn auf die Erde schickte, um die Menschheit zu erlösen, und von dem Heiligen Geist, der jeden einschließen kann, der sich für ihn öffnet. Und der einsame, verbitterte alte Mann, der immer noch um seine schon so lange tote Frau trauert, hört ihnen zu. Als sie ihm schließlich sagen, welches Unglück er über seine Stadt gebracht hat, und ihn zu jener Kinderkrippe führen, wo die apathischen Säuglinge mit leerem Blick in ihren winzigen Bettchen liegen, da sieht er zum ersten Mal seit so langer Zeit wieder mit klaren Augen. Und schließlich, auf einer verzweifelten Suche nach Gnade, nimmt er den Gott der Christen in sein Herz und akzeptiert seine Stellung als bloßer Sterblicher. Der Wahnsinn weicht aus seinen Augen und macht einer tiefen, schwermütigen Ruhe Platz.
Der König der Goldenen Stadt weiß nun, was er zu tun hat. Er warnt Andrew und Theobald, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen, dann geht er zum größten Tor in der Stadtmauer und ruft den Tod endlich wieder zurück.
Andrew und Theobald erhaschen durch das Tor noch einen Blick auf eine Gestalt in einer dunklen Robe, die aus der Wüste zu der Goldenen Stadt kommt, dann fliehen sie von diesem verdammten Ort. Hinter sich sehen sie die hohe Mauer, die prächtigen Gebäude, die herrlichen Gärten zu nichts als Wüstenstaub zerfallen.
Vom Lager aus beobachten sie den Fall der einst so großartigen Stadt, von der in nur wenigen Minuten nicht mehr als ein staubiger Hügel in der Wüste bleibt. Nachdem das Werk getan ist, kommt die Gestalt in der dunklen Robe auf die beiden Männer zu und spricht mit einer Stimme wie die Ewigkeit zu ihnen: „Ihr hat mir einen Dienst erwiesen, ich werde es nicht vergessen. Nehmt dies, es mag euch einmal nützen.“ Er gibt jedem von ihnen einen schwarzen, tränenförmigen Stein und spricht dann erneut: „Auch das kleine Mädchen mag am Leben bleiben, solange es ihr gegeben ist.“ Dann dreht sich die Gestalt in der dunklen Robe um und geht zurück in die Wüste hinaus.
Am nächsten Morgen ist von der Goldenen Stadt nichts mehr zu sehen. Nur die Letztgeborene und die zwei Steine zeugen noch von dem Abenteuer. Wenn Theobald oder Andrew jedoch erwartet haben, daß Moran vom Ausgang der Geschichte enttäuscht sein würde, dann haben sie sich geirrt: Die junge Frau ist begeistert, ihrer Meinung nach ist das „ein großartigeres Ende“, als sie es sich hätte ausdenken können. Sie will sofort ein Lied darüber machen.
So kehren die Abenteurer schließlich wieder nach Damaskus zurück. Einige von Morans Reisegefährten sind enttäuscht, denn sie hatten gehofft, große Schätze oder vergessene Weisheiten in der Goldenen Stadt zu erlangen, aber Terminus und seine Tochter sind sehr glücklich. Natürlich lädt der Princeps sie nach Serpentia ein, und die junge Schottin sagt gerne zu – zumal sie unbedingt ihren Bruder Connor Kerid kennenlernen will.
Nach wenigen Tagen trennen sich dann die Wege der Reisegefährten – von denen einer, ein junger arabischer Arzt, von der Macht des Christentums so beeindruckt worden war, daß er von Islam konvertierte und sich taufen ließ. Er will jetzt im christlichen Viertel der Stadt seine Kunst praktizierten.
Wieder in Serpentia angekommen, soll die letztgeborene Tochter der Goldenen Stadt von Vater Heimeran auf den Namen Jaira getauft werden. Dabei kommt es zu einem merkwürdigen Zwischenfall: Niemand kann sich nach dem Gottesdienst noch genau an den zweiten Taufpaten neben Theobald erinnern, aber jeder ist sicher, daß da irgend jemand war. Nur Andrew und Terminus´ Bruder haben den Fremden erkannt: Eine Gestalt in einer dunklen Robe, die mit einer Stimme wie die Ewigkeit sprach…
*
Moran beschließt, erst einmal eine Weile in Serpentia zu bleiben, da es ihr hier sehr gut gefällt. Außerdem hat sie wohl das Gefühl, daß Terminus dringend ein wenig Aufmunterung braucht.

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Marganma

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