Serpentia

Die Liebe von Diamant

Sommer 1182

Mentalia, Augustin

Mentalia hat sich nach ihrer Flucht aus Jerusalem in Zypern eingeschifft, wo sie dem Bund Gwenderon einen Besuch abstattet. In diesem Bund leben nämlich drei kooperierende Verditii, die die besten Langlebigkeitstränke des Tribunals brauen. Da die Merinita ihr jugendliches Aussehen behalten möchte, will sie sich dort schon jetzt einen besorgen.
Im Bund wird sie bereits erwartet, da Cavallo ihre Ankunft vorher angekündigt hatte. Die Zwillingsschwestern Harmonia und Cognoscia heißen sie freundlich willkommen und sind auch gern bereit, ihrem Ansinnen nachzukommen – wenn die Bezahlung stimmt, versteht sich. Da Mentalia genug Vis mitgenommen hat, beginnen die Schwestern und ihr Hausbruder Arcobald sofort, sich an die Arbeit zu machen. Währenddessen hat die Merinita nicht viel zu tun.
So kommt es ihr nicht unrecht, daß eine schon lang angekündigte Handelskarawane zwischen dem nächsten Dorf und dem Bund verschwindet. Gern bietet sie ihre Hilfe bei der Suche an, die von den schwerbeschäftigten Verditii auch angenommen wird. Also begibt sie sich mit ihrem jungendlichen Leibgrog Augustin zunächst ins nahe Dorf, um dort vielleicht etwas über den Verbleib der Karawane zu erfahren.
Aber die Dorfbewohner wissen auch nicht, wo die Händler und ihre Waren geblieben sein könnten. Allerdings können sie berichten, daß die Hügel zwischen dem Bund und Dorf verwunschen sein sollen: Dort soll eine Sippe von Erdfeen leben, die den Menschen nicht allzu wohlgesonnen sind. Ein alter Mann erzählt ihr dann auch die Legende vom Kopflosen Reiter:
Vor langer Zeit einmal hatte sich die Königin der Erdfeen in einen stattlichen Menschenjüngling verliebt, und auch er schien ihre Liebe zu erwidern. Endlich war es sogar soweit, daß der menschliche Mann bereit war, alles für seine Geliebte aufzugeben und ewig mit ihr im Reich der Feen zu leben. Allerdings bat er sich von ihr noch drei Tage aus, um sich von seiner Familie zu verabschieden. Aber am dritten Tag ging die Sonne unter, und er war nicht zurückgekehrt. Da kam die Königin selbst in Verkleidung zum Dorf, um nach ihrem Geliebten zu suchen. Als sie ihn aber fand, da stand er an einem Zaun und sprach noch mit einem weinenden Menschenmädchen. Außer sich vor Zorn und Eifersucht tötete die Feenkönigin ihren vermeintlich untreuen Geliebten, indem sie ihm den Kopf mit einem diamantenen Schwert vom Rumpf schlug. Das Haupt nahm sie mit, doch den leblosen Körper ließ sie zurück. Aber sie hatte dem menschlichen Mann Unrecht getan: Das Mädchen, mit dem er sprach, war nur seine Schwester gewesen, die ihn nicht hatte fortgehen lassen wollen. Seitdem spukt sein kopfloser Körper umher, bis das die Königin ihre Ungerechtigkeit einsieht. Sein Haupt aber soll sie noch haben und gelegentlich um Rat fragen.
Von dem Alten erfährt Mentalia auch, wie man in das Feenreich unter den Hügeln kommt: Es gibt einen verborgenen Eingang in einem alten, ausgetrockneten Brunnen. Sofort macht sich die Merinita auf den Weg und findet den Brunnen nach kurzer Suche auch. Sie und Augustin steigen in die Tiefe hinab, und schon nach einer Weile wird es unten nicht dunkler, sondern immer heller. Der Brunnenschacht endet in einem sanft beleuchteten Gang, wo die Magierin und ihr Grog schon erwartet werden: Eine hohe Gestalt, die aussieht wie eine aus Silber gegossene Statue, nimmt sie im Feenreich in Empfang. Das Wesen stellt sich als Silber vor, oder – genauer gesagt – als ein Silber.
Er führt Mentalia tiefer unter die Erde, bis sie schließlich das Reich der Königin Diamant erreicht haben. Unterwegs erfährt die Magierin, daß es tatsächlich die Erdfeen waren, die auf das Geheiß ihrer Königin die Karawane entführt haben, da diese die begleitenden Menschen für ihre Zwecke braucht. Durch ihre unglückliche Liebesaffäre ist sie nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß reinblütige Feen nutzlos und der Zeit nicht angemessen sind, und beginnt jetzt systematisch, das Feenblut mit Menschenblut zu vermischen. Nicht allen Erdfeen ist das recht, aber als Königin hat sie die Macht des letzten Wortes, da sie die einzige Diamant ist. Offenbar ist es hier so, daß es zu jedem Gestein, jedem Metall und jedem Juwel eine eigene Feensippe gibt: Die Königin Diamant ist einzigartig und daher am ranghöchsten, die kleinen, rollenden Granits sind am zahlreichsten und stehen damit auf dem untersten Rang der Gesellschaft.
Der Silber hat recht wenig Brüder und stünde eigentlich im Rang recht hoch, aber sein Blut ist zu rein für den Geschmack der Königin, weswegen er seine Position für andere, weniger geeignete Feen räumen mußte.
Mentalia, die sich recht gut auf Feen versteht und weiß, daß es dieses Volk hier letztendlich zerstören würde, wenn man alle Angehörigen mit Menschenblut vermischt, ist mit den Plänen der Königin nicht sehr glücklich. Dennoch nimmt sie deren Einladung zu einem Festbankett gerne an. Auch Augustin begleitet sie.
In der großen Festhalle trifft die Merinita schließlich die Königin Diamant. Sie ist hochgewachsen, glitzernd und so unglaublich schön und betörend, daß der junge Augustin ihr fast augenblicklich verfällt. Allerdings wird der Platz an ihrer Seite schon von einen ausnehmend wohlgestalteten Jüngling – einem Menschen – eingenommen. Als einziger der ebenfalls anwesenden Karawanenbegleiter scheint er die Königin nicht fast abgöttisch zu verehren oder zu lieben. Auch auf Mentalia hat diese Macht keinen Einfluß, da sie eine Frau ist. Außerdem glaubt sie, daß ihre Liebe zu ihrem Ehemann sie ohnehin vor derartigen Zaubern schützen würde.
Während des Banketts kann die Magierin mit der Feenkönigin sprechen, ist aber nicht in der Lage, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Diamant selbst hat schon diverse Töchter von menschlichen Männern, die allesamt als die Diamantprinzessinnen bekannt sind. Auch diese Töchter sind anwesend. In ihnen kann Mentalia allerdings kein sehr starkes Menschenblut feststellen: Die Mädchen denken und handeln wie Feen. Das Konzept der Wahren Liebe, von der die Magierin ihnen spricht, können sie nicht verstehen. Dennoch gelingt es Mentalia, sich mit der ältesten Prinzessin Diamant anzufreunden, die ihr erzählt, daß der junge Mann neben ihrer Mutter Hyacinth wäre, ein Spielmann, der merkwürdigerweise völlig immun gegen deren Betörung ist und ihr schon seit einiger Zeit widersteht.
Von der Feenprinzessin erfährt Mentalia auch, daß die Legende wahr ist: Die Königin hat tatsächlich einen menschlichen Kopf in ihren Privatgemächern, der sie berät.
Neugierig geworden, verläßt die Magierin das Fest und stöbert ein wenig in der Kemenate der Herrscherin umher, bis sie schließlich den Kopf des erschlagenen Jünglings findet, der sie bittet, ihn zu erlösen. Bevor sie allerdings fragen kann, wie das gehen mag, taucht auf einmal Diamant auf und wirft Mentalia recht unfreundlich aus ihren Räumen.
Danach wird die Magierin von einem Silber – demselben? – in ihre eigenen Gastgemächer geführt. Von der statuenhaften Gestalt erfährt sie, daß es eine Art Widerstand gegen die Pläne der Königin gibt, der allerdings nicht sehr effektiv ist: Schließlich ist die Königin die rechtmäßige Herrscherin.
Während ihres weiteren Aufenthalts nimmt Mentalia Kontakt zu dieser Gruppe auf, außerdem befreundet sie sich mit den kleinen, freundlichen Granits. In einigen Diskussionen stellt sie fest, daß die höheren Feen wohl kaum bereit sind, etwas Ernsthaftes gegen die Königin zu tun. Immerhin schließt sich auch die älteste Prinzessin jetzt dem Widerstand an. Dennoch setzt die Merinita ihre Hoffnungen eher auf die Granits: Nachdem sie den kleinen Steinkugeln ein Bewußtsein ihrer eigenen Macht gegeben hat, indem sie ihnen klarmacht, daß sie vielleicht unwichtig, aber dennoch einfach so viele sind, ist diese Sippe der Erdfeen durchaus bereit, etwas an der bestehenden Ordnung zu ändern.
Als Mentalia gerade dabei ist, die edlen Feen und die gemeinen Granits im Widerstand zu vereinen, kommt die Königin Diamant selbst mit ihrer Wache aus Kupfern und Onyxen zu der Versammlung, um die Verschwörer gefangenzusetzen. Dabei entspannt sich eine Debatte über den Sinn und Unsinn des Menschenbluts zwischen der ältesten Prinzessin und ihrer Mutter. In einem Wutanfall über die Rebellion ihrer Tochter erschlägt die Königin das Feenmädchen, und diese ist gerade genug Mensch, um wirklich zu sterben.
Die Granits sind über diesen Mord sehr zornig, und als die Königin ihre Wut mit einem Lachen abtut – schließlich sind es nur Granits – fallen die kleinen Feen in einer wilden Lawine über ihre Herrscherin her. Durch ihre schiere Masse gelingt es der rangniedersten Sippe schließlich, die Königin zu überwältigen und zu feinem Diamantstaub zu zerreiben.
Eine der jüngeren Prinzessinnen wird nun zur Königin gemacht und verspricht, besser zu herrschen als ihre Mutter. Aus Dankbarkeit zu Mentalia überläßt sie ihr nicht nur die Menschen und die Waren der verschwundenen Karawane, sondern auch den Kopf des unglücklichen Liebhabers der früheren Königin. Den kann die Magierin dann auch dem Sonnenlicht aussetzen, wodurch er zerfällt und der Geist des Jünglings endlich Frieden finden kann.
Die Karawane beendet nach ihrer Freilassung ihre Reise nach Gwenderon. Dabei erfährt Mentalia auch den Grund, warum der Jüngling Hyacinth sich nicht von der Königin betören ließ: Es war weder ein magischer Schutz noch besonders starke Willenskraft, der junge Grieche ist einfach nicht an Frauen interessiert.
Als sie mit den Verschwundenen im Bund ankommt und ihre Geschichte erzählt, sind die Verditii recht dankbar und verlangen kein weiteres Vis für ihre Dienste. Der Langlebigkeitstrank wird noch in diesem Frühling fertiggestellt und soll Mentalias Jugend und Schönheit für viele Jahrzehnte unverändert erhalten.

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Marganma

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