Serpentia

Die Schlange im Apfel

Frühling 1183

Sean, Sir Quintus, Aladin, Benedikt, Alen, Geisterwölfe

Bei seiner Suche nach anderen seiner Art ist Sean schon vor fast einem Jahr in St. Corona auf eine Legende gestoßen, in der berichtet wird, wie das Dorf eigentlich zu seinem Namen gekommen ist.
Es war wohl schon vor ein paar Jahrhunderten, als in Syrien ein junges Mädchen namens Corona lebte, eine Christin. Eines Abends ging sie vom Wäschewaschen singend nach Hause, als sie von ein paar heidnischen Räubern überfallen wurde. In ihrer Not rief sie Gott an und wurde erhört: Der Herr schickte ein Rudel wilder Wölfe, das ihr half und die Ungläubigen vertrieb. Durch dieses Wunder errettet, gelangte das Mädchen zu Wahrem Glauben und tat viel Gutes, sodaß sie nach ihrem Tod heiliggesprochen wurde. Ihr Heimatdorf nannte sich von da an St. Corona und es wird behauptet, daß das Wolfsrudel auch heute noch über die Menschen dort wacht.
Sean macht sich auf die Suche nach diesen Wölfen und findet das Rudel auch tatsächlich recht schnell. Seine Hoffnung erfüllt sich: Sechs der Wölfe dieses Rudel sind wie er Gestaltwandler. Nachdem diese ihr Erstaunen über den unbekannten Artgenossen überwunden haben, heißen sie den Fremden gern willkommen. Von ihnen lernt Sean einiges über die Geschichte der Werwölfe in allgemeinen und der Geisterwölfe, wie sich dieses Rudel nennt, im Besonderen. Unter anderem erfährt er dabei, daß jeder von ihnen die Fähigkeit hat, in die Schatten zu gehen, eine Art parallele Geisterwelt, in der körperlose Wesenheiten umherstreifen. Die Anführerin des Rudels, Ashandra, bietet Sean an, auch ihm diese Fähigkeit beizubringen, was er auch gerne annimmt. Sie ist allerdings immer noch um einiges besser: Die schwarzhäutige Afrikanerin kann sogar andere Leute, auch normale Menschen, mit in die Schatten nehmen.
Wieder im Bund, erzählt Sean Sir Quintus von diesem Zusammentreffen. Die Frau des Ritters, Joanna, leidet nämlich immer noch unter jenem seltsamen Wahnsinn, der von der Schlange in ihrem Kopf herrühren soll. Dieses Wesen soll nach den Worten Rotgolds und Fionnualas nur in den Schatten zu besiegen sein. Sean bietet Sir Quintus an, für den Übergang zu sorgen. Der italienische Ritter ist überglücklich über diese Chance, denn er liebt Joanna sehr und ist wegen ihrer seltsamen Anfälle reichlich beunruhigt.
Dieser ungewöhnlichen Expedition schließen sich Benedikt, dessen Leibgrog Alen und Aladin an. Der Bonisagus hatte schließlich schon einmal mit der Schlange zu tun, als er in Joannas Geist nach der Ursache für ihren Wahnsinn gesucht hat, und Aladin ist immer daran interessiert, andere Gestaltwandler zu treffen.
Der Übergang in die Schatten von Joannas Geist gelingt den Magi, ihren Gefährten und dem Wolfsrudel problemlos. Hier stellen sie sehr schnell fest, daß Rotgold recht hatte: Es gibt eine Schlange im Bewußtsein von Sir Quintus´ Ehefrau. Sie ist zu riesenhafter Größe aufgedunsen, ein schwarzer, schleimiger Schlauch voller bösartiger Gifte, eine erdrückende Last aus Gemeinheit und Niedertracht, ein ewiger Quell von Krankheit und verdrehten Visionen. Diesem Koloß stellen sich die winzig erscheinenden Menschen mit solcher Entschlossenheit, daß der Größenunterschied bedeutungslos zu werden scheint.
Während Benedikt weiter zurück bleibt und einen Spruch anstimmt, der die dämonische Kreatur bannen soll, greifen die anderen direkt an. Die Schlange scheint ihren wahren Feind sofort zu erkennen und greift mit all ihrer verdrehten Wut Sir Quintus an. Als es fast schon scheint, als würde es ihr gelingen, den Ritter mit Haut und Haar zu verschlucken, wirkt endlich Benedikts Spruch. Allerdings nicht vollständig: Die Schlange wird zwar mit einem wütenden Zischen sehr viel kleiner, ist aber noch lange nicht besiegt. Während Sean mit erneuter Entschlossenheit daran geht, seinen Freund Quintus aus dem Maul des immer noch großen Reptils zu befreien und Benedikt seinen Zauber ein zweites Mal anstimmt, bemerkt Aladin, wie sich drei fast hundegroße, von Maden und Fäule zerfressene Ratten dem konzentrierten Bonisagus nähern. Denn dies ist der Fluch von Benedikts Zauberei: Immer, wenn er Magie wirkt, zieht er die Ratten der Umgebung damit an. Auch hier scheint dies zu gelten, allerdings sind es diesmal nicht normale Nager, sondern deren große dämonische Brüder, die herbei kommen. Aber Aladin, der Panther, fürchtet keine Ratten und stürzt sich in einen wilden Kampf mit den teuflischen Tieren, obwohl er das faulige Gift sehen kann, das von deren Zähnen tropft. Nach hartem Kampf bleibt er, wiewohl von den Bissen der Ratten verletzt und ihrem Gift geschwächt, letztendlich siegreich.
Auch die Schlange kann sich dem Mut und der Verbissenheit ihrer Gegner kaum noch erwehren: Als Benedikts zweiter Zauber Wirkung zeigt, ist sie von den Zähnen und Klauen der Geisterwölfe, den Pfeilen Alens und der Klinge Sir Quintus´ schon so geschwächt, daß der Magier sie scheinbar völlig vernichten kann. Aber dem ist nicht so: Der scharfäugige Alen sieht gerade noch, wie ein winziges Schlänglein sich vom Kampfplatz zurückzieht und in eine Höhle in den nahe gelegenen Bergen flüchtet.
Nach einer nur kurzen Verschnaufpause, in der Quintus von Benedikt von seinen schlimmsten Verletzungen geheilt wird, folgen die Gefährten der winzigen Schlange. Die Geisterwölfe werden sie nicht begleiten, da zwei von ihnen sehr schwer verwundet sind und die anderen über sie wachen wollen.
Als die Gefährten, Sir Quintus allen voraus, der Schlange in den Berg folgen, kommen sie nicht etwa in eine Höhle, sondern in ein Felslabyrinth mit wirren Gängen, die sich ohne Absicht oder Ziel durch den Berg winden. Die Steine selbst scheinen hier zu leiden: Zu unmöglichen Formationen gepreßt, sieht man ihre Qual in jedem verdrehten Gang, in jeder in sich zusammengekrümmten Ecke, ja selbst die Felsstruktur an sich wirkt seltsam gewunden und verkrüppelt. In der Luft liegt ein ständiges leises Stöhnen wie von einer weiblichen Stimme, die es schon lange aufgegeben hat, ihre Qual und Hilflosigkeit hinauszuschreien, aber einen Schmerzenslaut dennoch nicht unterdrücken kann. Die Wände der Gänge sind von einer seltsam wachsartigen, glatten Schicht bedeckt, die sich unter den Fingern der Eindringlinge beunruhigend lebendig anfühlt. Als Quintus die Wand berührt, verätzt ihm diese Schicht fast die Hand, aber der darunterliegende Fels wirkt eigenartig beruhigt und getröstet.
Nach einiger Zeit, die wegen der erschreckenden Umgebung viel länger wirkt, erreichen die Gefährten eine einfache Holztür, die in eine der Gangwände eingelassen ist. Als Sir Quintus diese Tür öffnet, befindet er sich unversehens in einer Szene aus Joannas Leben: Die junge Frau wird wegen ihrer seltsamen Visionen und der merkwürdigen Dinge, die sie sagt, mit Steinen aus ihrem Heimatdorf vertrieben und flieht weinend. So gern er auch würde, es gelingt dem jungen Ritter nicht, einzugreifen oder sich auch nur bemerkbar zu machen. Als die Szene endet, findet der Italiener sich wieder im Gang bei seinen Gefährten. Das Erlebnis hat kaum einen Sekundenbruchteil gedauert.
In einiger Entfernung von dieser Tür sind noch weitere zu entdecken: Jeweils eine ein ganzes Stück weiter links oder rechts. Als Quintus sich der rechten zuwendet, wird er erneut Zeuge von einem Ereignis aus Joannas Leben: Eine demütigende Szene in einem Gasthaus während ihrer Reise von England nach Al-Arama. Hinter der linken kann er mit ansehen, wie die Mutter einer jüngeren Joanna stirbt, mit freundlichen Worten an ihre drei Söhne und einem letzten enttäuschten Blick für ihre Tochter. Offenbar nähern sich die Ereignisse hinter den Türen auf der rechten Seite der Gegenwart, die hinter den linken der Vergangenheit. Sir Quintus beschließt, die kleine Schlange in Richtung der Gegenwart zu suchen.
Nachdem er hinter einigen anderen Türen noch mehr demütigende Szenen aus Joannas Leben gesehen hat, kann Quintus das Ende des Ganges erkennen. Dort ist eine letzte Tür. Da das Erlebnis, daß er an der vorigen mit durchlitten hat, sein Abschied von seiner Frau war, muß hinter dieser Tür wohl erneut der Kampf mit der Schlange lauern. Der Ritter ist schon fast bereit, die Tür zu durchschreiten und sich der teuflischen Kreatur noch einmal zu stellen, als er plötzlich aus dem allgegenwärtigen Stöhnen Worte heraushören kann: Joannas Stimme, die ihn beschwört, umzukehren und nicht durch dieses Tor zu gehen. Die anderen können den unsicher gewordenen Ritter schließlich überzeugen, doch zunächst den Weg in Richtung Vergangenheit einmal abzuschreiten, bevor er sich einem aussichtslosen Kampf stellt.
Auch dieser Gang endet schließlich in einer Tür. Als Sir Quintus sie durchschreitet, wird er Zeuge, wie das kleine Mädchen Joanna in den Wald läuft, um dort zu spielen, und dabei die Warnung der Mutter mißachtet, vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause zu sein. In der unvermutet hereinbrechenden Nacht verläuft sich das Kind, findet aber schließlich doch mitten im Wald eine kleine, erleuchtete Hütte, wo es von einer alten, verwachsenen Frau freundlich aufgenommen wird. Aber der geisterhafte Beobachter sieht in der Alten sehr viel mehr als das ahnungslose Mädchen: Als nämlich das Kind friedlich schläft, geht ihre Gastgeberin in ihren Garten, in dem neben vielerlei giftigen Kräutern auch ein verkrüppelter Apfelbaum wächst. Unter ständigem Murmeln von finsteren Gebeten pflückt die Alte einen Apfel und versieht ihn danach mit einem kleinen schwarzen Wurm, der bei näherer Betrachtung ein winziges Ebenbild der Schlange ist. Als Joanna am nächsten Morgen aufwacht, gibt die Hexe ihr den Apfel als Frühstück. Mit der Frucht ißt das unschuldige Mädchen auch den Wurm. Als sie zu ihrer besorgten Familie zurückkommt, ist sie nicht mehr dieselbe: Die erschreckenden Visionen, die sie nie für sich behalten kann, verängstigen ihre Eltern und Geschwister, sodaß sie von diesem Tage an dazu verdammt ist, immer allein und ungeliebt zu sein.
Nachdem Quintus jetzt den Ursprung von Joannas Wahnsinn kennt, teilt er dies auch den anderen mit. Dabei fällt ihm auf, daß der Fels hier von seltsam bleichen, wurmartigen Wurzeln durchbohrt ist: Den Wurzeln eines Apfelbaumes vielleicht?
Durch Benedikts Magie können die Gefährten den Ursprung des fädenartigen Wurzelgeflechts finden: In einer kleinen Höhle steht ein verkrüppelter, kränklicher Baum, an dem im krassen Gegensatz zu der Umgebung wunderschöne rotbackige Äpfel wachsen. Hier ist das schier unerträgliche Stöhnen am lautesten, hier wirken die Felswände am schmerzhaftesten verdreht und verkrümmt, hier scheint das Herz all der Verderbnis, die Joanna befleckt, zu sein.
Die Gefährten machen sich daran, den Baum, den Quell all des geistigen Giftes, unter dem Quintus´ Frau seit Jahren leiden muß, zu fällen. Zunächst allerdings wehrt sich das grausige Gewächs, aber Benedikts Magie bricht dessen Widerstand sehr schnell und endlich kann die widerwärtige Pflanze von Sir Quintus und Alen zu Fall gebracht werden. Der kleine, kaum zu sehende Wurm, der aus ihren Wurzeln zu fliehen versucht, wird ebenfalls sehr schnell getötet.
Kaum hat Quintus das ekelhafte Wesen unter seinem Stiefel zertreten, als ein Seufzer der Erleichterung und ein leises Zittern durch den Berg geht. Die wachsartige Schicht verschwindet, und mit einem ächzenden Aufatmen richtet sich der verkrümmte Fels endlich in seine wahre Form zurück. Die sich windenden Gänge werden gerader, die unmöglichen Verdrehungen und Verknotungen der Steine lösen sich endlich in einer natürlicheren Haltung auf, und die kränklich dunkle Farbe weicht einem warmen, matten Grauton. Das ganze Labyrinth sieht nicht mehr aus wie das Ergebnis eines kranken Felsformers, sondern wie natürlich gewachsene Höhlen und Gänge, zwar immer noch voller Winkel und geheimer Orte, aber doch gesund und auf eine seltsame Art und Weise rein.
Mit stummer Freude über dieses Wunder verlassen die Gefährten den Berg und treten mit Hilfe der Geisterwölfe schließlich wieder aus den Schatten heraus. In der wahren Welt ist Joanna erwacht und erwartet ihre Retter mit strahlenden Augen. Die Bedrückung, die sie seit ihrer Kindheit verspürt hat, ist verschwunden, ihr Geist und ihre Gedanken sind zum ersten Mal seit Jahren wieder klar und völlig ihre eigenen. Endlich ist sie fähig, ihre Liebe zu ihrem Ehemann nicht nur undeutlich zu zeigen, sondern auch auszusprechen, endlich verursacht ihr diese Liebe auch keine Schmerzen mehr. Ihre unbegründeten Ängste, ausgelöst durch grauenhafte Visionen von Zurückweisung und Verrat, sind verschwunden. Joanna ist nach langen Jahren endlich geheilt.

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Marganma

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