Serpentia

Herr der Raben

Frühling 1188

Andrew, Alen, Bernward, Alenka, Frederik, Lionel, Nakatia, Athanasius

Nach etwas über einem Jahr auf Pilgerreise kehrt Andrew endlich wieder nach Hause zurück. Da er seine Familie unbedingt wiedersehen will, unterbricht er seine Reise einige Kilometer vom Bund nicht noch einmal für eine Nachtruhe, sondern setzt seinen Weg fort, sodaß er während der frühen Morgenstunden in der Herberge eintrifft. Als er jedoch weitergeht, muß er feststellen, daß die Grogs, die den Weg zwischen Straße und Bund bewachen sollen, tief und selig schlafen! Der Magier versucht die beiden Männer aufzuwecken, was ihm aber nicht gelingt. Schließlich läßt er sie liegen und kehrt zur Herberge zurück, von wo aus er Nachricht an Nakatia schickt. Dann kehrt er mit zwei Bewaffneten zu den Schläfern zurück.
Dort trifft er schließlich Nakatia und erfährt von ihr, daß zwar seine Frau die Geburt ihrer Tochter Kathleen überlebt hat, sein Sohn Lucas jedoch am Herbstfieber gestorben ist. Schwankend zwischen Trauer und Freude folgt der Jerbiton Nakatia in die Herberge, wo es der Magierin gelingt, die beiden Schläfer wieder aufzuwecken. Sie berichten, daß irgendwann tief in der Nacht Sophie, das Mädchen aus Tripolis, zu ihnen gekommen ist und ihnen einen Schluck Wasser gebracht hat. Daraufhin sind sie wohl eingeschlafen…
Andrew und Nakatia begeben sich zunächst zurück zum Bund, um zu überprüfen, ob Sophie noch da ist. Aber niemand hat die lichtempfindliche junge Frau gesehen, und auch die arkane Verbindung zu ihr ist verschwunden. Da Nakatia und Andrew mittlerweile ernsthaft beunruhigt sind, beschließen sie, sie suchen zu gehen.
Schließlich werden sie in St. Corona fündig: Sophie wurde mit schweren Verbrennungen am frühen Morgen von einer vorbeiziehenden Karawane gefunden. Offenbar hatte sie versucht, sich vom morgendlichen Sonnenlicht töten zu lassen. Es gelingt Nakatia, herauszufinden, warum Sophie sich zu einem so verzweifelten Schritt entschlossen hat: Die junge Frau ist furchtbar einsam, da sie nicht am täglichen Leben in Serpentia teilhaben kann und durch ihre Krankheit sogar noch unheimlich erscheint. Außerdem hat sich ihre unerfüllte Liebe Andrew gegenüber immer noch nicht gelegt.
Langsam gelingt es Nakatia, der Verzweifelten wieder Mut zuzusprechen. Da Andrew nicht das Gefühl hat, helfen zu können, kehrt er in den Bund zu seiner Familie zurück. Bei einem Gespräch mit seiner Frau bittet er sie, sich Sophies doch ein wenig anzunehmen, was Melisende auch sofort zusagt.
Nachdem sich ihr Zustand ein wenig gebessert hat, kehrt auch Sophie mit Nakatia nach Serpentia zurück. Dort scheint die Genesung der Tripolitanerin gute Fortschritte zu machen: Sie lädt sogar Melisende für einen Abend zum Tee ein.
Bei diesem abendlichen Treffen geschieht jedoch etwas furchtbares: Noch bevor Andrews Ehefrau den für sie bereiteten Tee zu den Lippen führen kann, nimmt Sophie ihr die Tasse wieder weg und sagt: „Besser ich als Du“. Dann trinkt sie und fällt zu Melisendes Entsetzen gleich darauf tot zu Boden. Nakatia, die schnell herbeigeholt wird, beschwört sofort den Geist der Toten. Diese zeigt sich äußerst erstaunt über ihr Dahinscheiden: Offenbar hat sie einen anderen Effekt erwartet.
Im Gespräch mit dem Geist erfährt die Magierin, daß Sophie an dem Tag, an dem sie sich das Leben nehmen wollte, in der Wüste einem Mann begegnet ist, der sie nach ihren Problemen gefragt hat. Sie schüttete ihm ihr Herz aus, woraufhin dieser eine Lösung vorschlug: Er habe ein Pulver, das eine Frau vergessen lassen könne, daß sie je einen bestimmten Mann geliebt hat. Er schenkte Sophie dieses Zaubermittel, und sie wollte es schon Melisende verabreichen, in der Hoffnung, Andrew doch noch für sich zu gewinnen, dann jedoch habe sie sich entschlossen, lieber ihre eigene Liebe zu vergessen. Daß es sich bei dem Pulver um ein tödliches Gift handelt, hat sie nicht gewußt.
Andrew hat sich während dieser dramatischen Ereignisse nicht im Bund aufgehalten. Da er seine Magie so lange nicht einsetzen konnte, war er in die Berge geritten, um endlich einmal wieder wild herumzaubern zu können. Als er jetzt zurückkehrt und Melisendes Bericht hört, begibt er sich sofort zu dem toten Mädchen und Nakatia, um die Wahrheit herauszufinden. Kaum jedoch hat er das Zimmer mit der Leiche betreten, als die Lippen der Toten zu sprechen beginnen und ihn höhnisch fragen, wie es denn seiner Frau gehe?
Offensichtlich wurde hier ein Zauber gewirkt, und als Andrew und Nakatia ein wenig nachforschen, glauben sie, in weiter Ferne eine Horde Raben krächzen zu hören – das Siegel desjenigen, der durch die Tote gesprochen hat? Trotz einiger Überlegung kommen weder die beiden noch Frederik und Bernward, die dazu gerufen werden, auf einen Magier mit einem solchen Siegel – aber wer weiß, ob dieser neue Feind zum Orden des Hermes gehört…
Sophies Geist verweilt noch für den Rest der Nacht in Serpentia, aber als sie am nächsten Tag den Sonnenaufgang zum ersten Mal ohne Angst und Schmerzen betrachten kann, verschwindet sie mit einigen Abschiedsworten an Nakatia für immer. An diesem Tag wird ihr Körper mit allen Ehren bestattet. So endet die Geschichte dieses unglücklichen Mädchens.
Am Tag darauf jedoch zeigt sich, daß dies erst der Anfang zu sein scheint: An diesem Morgen sitzen auf den Zinnen des Bundes, gerade außerhalb der Aegis, ein halbes Dutzend große schwarze Raben, deren herausforderndes Krächzen höhnisch durch Serpentia hallt. Als Frederik mit einem von ihnen spricht, geben sie spöttisch zu, die Boten desjenigen zu sein, der Sophie das Gift gegeben hat. Sie bieten ihm an, die Magier zu ihrem Meister zu führen, und entwickeln dabei ein ganz besonderes Interesse an der Anwesenheit Andrews.
Nach einiger Beratung beschließen Andrew, Nakatia, Frederik und Bernward, das Risiko einzugehen. Sie statten sich mit Vis aus, benachrichtigen ihre Leibgrogs (Bernward wird Alenka zugeteilt), und brechen am späten Vormittag auf, um den Raben zu folgen. Diese führen sie außerhalb des Bundes, in der Nähe der Karawanenstraße, zu einer recht großen Höhle, in der sie verschwinden.
Die Magier wagen es zunächst noch nicht, den dunkeln, breiten Gang zu betreten. Zuerst forscht Andrew nach, wie stabil der Fels hier ist, erfährt jedoch, daß die Höhle wohl auch in einigen Jahrhunderten nicht von selbst einstürzen würde. Als Alen in das Halbdunkel des Eingangs späht, entdeckt er, daß in die bloßen Wände in regelmäßigen Abständen große Edelsteine eingelassen sind. Im hinteren Teil der Höhle meint er, zwei hohe Säulen erkennen zu können, die auch mit Juwelen besetzt sind, und auf denen die Raben hocken und die Gefährten spöttisch betrachten.
Da es keine andere Möglichkeit zu geben scheint, beschließen die Magier, die Einladung anzunehmen und sich weiter in den Berg hineinzuwagen. Zuvor jedoch läßt Andrew als Vorsichtsmaßnahme den Fels, in den die Edelsteine eingelassen sind, über die Juwelen hinweg wuchern, sodaß sie ganz von Stein bedeckt sind. Dann erst betreten er, Nakatia und Frederik den Höhleneingang. Bernward beschließt, draußen zu warten, da er von den Zaubern, die er gesprochen hat, schon sehr erschöpft ist.
Als die drei Magier in die Höhle vordringen, stellen sie fest, daß Alen recht hatte: Der Gang endet schon nach etwa zwanzig Metern, und im hinteren Teil stehen zwei Säulen, auf denen die sechs Raben hocken. Auch hier sind dieselben Edelsteine wie schon in den Wänden eingelassen. Während sie noch überlegen, was als nächstes zu tun ist, erscheint vor ihnen plötzlich ein hochgewachsener Mann in einem weiten Mantel aus schwarzen Federn und stellt sich als Herr der Raben vor. Er verkündet triumphierend, daß sie ihm in die Falle gegangen sein, und daß er gar nicht wüßte, was „er“ an Andrew fände. Jedenfalls scheint sich ein Großteil seiner Aggression gegen den Jerbiton zu richten. Der versucht zwar noch, herauszufinden, was der Fremde eigentlich von ihm will, aber dessen lapidare Antwort lautet nur: „Deinen Tod.“
In diesem Moment leuchten die Edelsteine an den Säulen auf. Auch die in die Wände eingelassenen Juwelen, die den lästigen Steinvorhang abschütteln wie Wasser, erstrahlen in einem seltsamen Licht. Aus den fast faustgroßen Steinen entstehen vielerlei Strahlen, die die Gefährten wie ein Netz einhüllen. Mit einem hämischen Grinsen führt der Herr der Raben vor, wie eine Berührung von einem dieser Strahlen wirkt: Er wirft einen kleinen Kiesel hindurch, der aufglüht und beim Aufprall auf den Boden zerbricht. Dann befiehlt er dem leuchtenden Netz, sich enger und immer enger zu ziehen und die Gefangenen so zu vernichten.
Verzweifelt setzen die Gefährten all ihre Magie und ihr Vis ein, um sich aus dieser Falle zu befreien, aber bald schon ist abzusehen, daß all ihre Bemühungen das Ende nicht aufhalten können. Da jedoch taucht eine weitere Gestalt in der Höhle auf: Es ist Alocar d´Alencon, der Ausgestoßene, der Dämonist, der ihnen jetzt zu Hilfe eilt!
Mit einer nachlässigen Bewegung zerstört er das tödliche Netz und herrscht den Rabenherrn an, weil dieser gegen seinen Befehl verstoßen und Andrew angegriffen hat. Voller Wut beginnt er, den Schwarzgekleideten mit einem Spruch gegen Wände und Decke zu schleudern, und erst als dieser das Bewußtsein verliert, wendet er sich seinem ehemaligen Lehrling zu. Er entschuldigt sich für das Vorgefallene, er habe „ihnen“ gesagt, daß sie Serpentia in Ruhe lassen sollten. Einen Grund dafür gibt er nicht an, aber er verspricht, den Herrn der Raben für seinen Übergriff streng zu bestrafen. Andrew, der sich allzu gut an Alocars Bestrafungen erinnert, bittet um Schonung für den Übeltäter, die sein ehemaliger Lehrmeister dann auch etwas spöttisch gewährt. Nach einem kurzen Zwiegespräch der beiden verabschiedet sich der Dämonist und verschwindet zusammen mit dem Herrn der Raben aus der Höhle.
Eine Weile lang suchen die Gefährten noch nach Hinweisen, wohin die beiden verschwunden sein könnten, müssen aber feststellen, daß hier nichts mehr zu finden ist. So lassen sie dann die unglückselige Höhle einstürzen, bevor sie sich auf den Rückweg machen.
Was Alocars Motivation für seine Handlungsweise angeht, so sind und bleiben die Magier ratlos. Offensichtlich ist nur, daß er Andrew noch für irgend etwas zu brauchen scheint. Llwellyn entwickelt die These, daß der Dämonist in ihm vielleicht die einzige Möglichkeit sieht, auf die Seite des Lichts zurück zu gelangen. Dazu passen würde die Tatsache, daß der Herr der Raben mit seiner ursprünglichen Intrige wohl eher versucht hat, Andrew auf die dunkle Seite zu ziehen – denn wäre es Sophie gelungen, Melisende zu vergiften, wer weiß, wie der Jerbiton dann reagiert hätte….
*

Kurz nach diesen Ereignissen trifft ein Brief aus Nordfrankreich in Serpentia ein. Remoir, ein recht alter Tytalus aus Vista Maris, hat Andrews Brief aus Valnastium beantwortet und kann noch ein paar Details zu dem Bild des jungen Alocar hinzufügen: So hatte dieser seine Ausbildung offenbar schon nach nur dreizehn Lehrjahren beendet, sein Siegel jedoch erst drei Jahre später erhalten. Auch über Michelle weiß er einiges zu berichten: So war die junge Magierin anscheinend kerngesund, als sie das Kind bekam, und jeder schien reichlich verwundert, als sie bei der Geburt starb. Außerdem erwähnt Remoir des öfteren eine gewisse Andrea, die Michelles beste Freundin war und ihr auch in ihren letzten Stunden beistand. Einige Tage nach deren Tod verschwand sie aus dem Bund. Sie war keine Magierin, lebte aber offensichtlich als Consors in Vista Maris. (Anmerkung: Später stellte sich heraus, daß dies eine Fehlinformation war. Andrea gehört zum Haus Ex Miscellania und ist sehr wohl eine Magierin). Seltsamerweise berichtet Remoir auch davon, daß Andrea in Alocar verliebt gewesen sei. Um herauszufinden, ob dies nur ein Schreibfehler ist und der Tytalus Michelle gemeint hat, oder ob mehr dahinter steckt, schreibt Andrew sofort zurück.
Um mehr über diese Andrea herauszufinden, beschließt Andrew nach Damaskus zu reiten und Pierre, Alocars Enkel, nach dieser Frau zu fragen. In der Stadt angekommen muß der Jerbiton feststellen, daß der junge Franzose völlig verarmt ist und mittlerweile davon lebt, Straßenräuber zu überfallen. Dabei kommen ihm seine magischen Fähigkeiten gut zustatten: So stellt Andrew fest, daß Pierre in der Lage ist, spontan ein Kettenhemd, Schwert und Schild aus dem Nichts zu erschaffen.
Da er sich für das Wohlergehen von Alocars Enkel irgendwie verantwortlich fühlt, sorgt der Jerbiton dafür, daß der junge Mann eine Anstellung als Leibwächter bei Raimond von Tripolis bekommt, da dieser ja recht offen für Magie zu sein scheint. Pierre ist zwar dankbar, kann Andrew aber in Bezug auf die geheimnisvolle Freundin seiner Großmutter auch nicht weiterhelfen.

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Marganma

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