Serpentia

Südlich der Sonne

Frühling 1186

Nakatia, Athanasius, Julius, Lionel, Sir Quintus, Frederik, Giuliano, Kerim, Cyriano, Sheherazan

Quintus hat schon seit einiger Zeit Träume, die auf den Ort hinweisen, an dem sich der Silberne Schlüssel – der Fünfte Schlüssel zu Serpentia – befinden muß. Lange kann er nichts mit den Visionen von einer Höhle, die an einer Quelle in einem dichten Urwald liegt, anfangen, aber kürzlich umfassen seine Träume immer mehr von dem fernen Land, bis er schließlich ganz im Norden eine feurige Wüste sieht, die von einem Ring aus gleißender Hitze in ihrer Mitte durchzogen wird. Als Nakatia davon hört, erinnert sie sich, daß sie schon während ihrer Ausbildung Geschichten über diesen feurigen Ring gelauscht hat: Er soll weit im Süden, in den Tiefen Afrikas liegen, dort, wo die Wüste immer heißer und heißer wird. Wenn man es schafft, diesen Ring zu durchqueren – ein Unternehmen nur für Helden oder Narren – kommt man in ein Land, in dem Ströme von Gold und Edelsteinen fließen und niemals jemand Hunger, Durst oder Krankheit leiden muß.
Da der Silberne Schlüssel offenbar in diesem Land versteckt wurde, scheint eine Reise dorthin von Nöten zu sein. Bevor Sir Quintus allerdings aufbricht, ziehen die Magi noch ein paar Erkundigungen über ihr Reiseziel ein. Dabei erfahren sie von Cavallo, daß der Ring aus Feuer die heißeste Zone der Erde sein muß: Die Sonne brennt wie ein Scheiterhaufen und die Luft, die man dort atmet, ist flüssiges Feuer. Über die Länder jenseits des schmalen Streifens Land weiß der Mercere aber so gut wie nichts, allerdings soll der Bund Questorin einige Aufzeichnungen darüber haben. Immerhin kann er den Magi noch sagen, daß die Reise allein zu dem feurigen Ring mindestens ein Vierteljahr in Anspruch nehmen wird.
Dennoch muß die Suche gewagt werden: So beschließen Nakatia und Frederik, die Expedition zu begleiten. Auch Julius schließt sich an, und natürlich muß der Schlüsselmeister Sir Quintus ebenfalls mit. Da die Reise die Durchquerung großer Wüstengebiete erfordert, versichert man sich der Dienste des erfahrenen Karawanenführers Kerim.
Am Tag des Aufbruchs kommt Quintus´ blinde Tochter Sophia zu ihm und warnt ihn besorgt, er möge sich vor den Ränken der Riesen hüten. Was sie damit aber meint, kann das kleine Mädchen nicht erklären – offenbar hat Joanna ihre Sehergabe an ihre Tochter weitervererbt. Aber auch diese ominöse Warnung kann den Aufbruch nicht verzögern, genauso wenig wie Frederiks Sperling, der die Gruppe zunächst begleiten will, aber auf Athanasius´ dringenden Rat zurückgeschickt wird, da er ein schlechtes Omen darstellt – ein Omen, das auf einen Tod hindeutet.
Da Kerim, der Führer der kleinen Karawane, die neben den Magi, Sir Quintus und den Grogs Lionel, Athanasius und Giuliano auch noch vier Kamele enthält, die der Einfachheit halber als Alpha, Beta, Gamma und Delta bezeichnet werden, Schiffen nicht zu trauen scheint, wird die erste Etappe der Reise auf dem Landweg zurückgelegt. Das Ziel dieser Etappe ist der Bund Questorin, wo die Magi hoffen, nähere Informationen über das Land jenseits des Rings aus Feuer zu bekommen.
In dem kleinen Bund nahe von Cairo ist gerade auch der junge Verditius Cyriano de Cabezon zu Besuch. Er wird schon seit einiger Zeit von seltsamen Träumen geplagt, in denen ihm seine Geliebte Sara, die er im Endgültigen Zwielicht verloren geglaubt hatte, erschien und ihn hilfesuchend aus einem saphirblauen Spiegel anblickte. Bei einem Gespräch zwischen Valeria und Fenrir, den Magi von Questorin, erfährt er, daß es jenseits des Rings aus Feuer die besten Traummeister geben soll. Da er diese aufsuchen möchte, schließen er und seine Leibwächterin Sheherazan sich der Reisegruppe an, als es klar wird, daß sie dasselbe Ziel haben.
In der Bibliothek von Questorin finden Nakatia und Cyriano einen Bericht von einem Missionar, der die Länder südlich des Rings schon bereist hat, und der in den glühendsten Tönen von dem Reich des christlichen Priesterkönigs Johannes schwärmt, in dem es Reichtümer sowohl weltlicher als auch geistlicher Art geben soll, wie sie hier völlig unbekannt sind. Allerdings scheint beiden Magi das Werk in seinem christlichen Fanatismus recht zweifelhaft, und so beschließen sie, lieber ihr eigenes Urteil zu fällen.
So beginnt also die große Reise zu den Ländern, die südlich der Sonne liegen sollen. Allein aber um zu dem Ring aus Feuer zu gelangen, müssen die Reisegefährten das große Wüstengebiet der Sahara durchqueren. Dort kommt es eines Nachts, als alle schon schlafen, zu einem Zwischenfall: Die Lagernden werden von einem wütenden Luftdjinn angegriffen, der sie beschuldigt, seinen Schatz stehlen zu wollen. Mit viel Höflichkeit gelingt es Athanasius und Kerim, ihren aufgebrachten Angreifer zu beruhigen, vor allem das Djinnblut des Karawanenführers trägt viel dazu bei, den Elementargeist von ihrer Ehrlichkeit zu überzeugen. Offenbar hat ihm ein menschlicher Zauberer erzählt, daß die Reisegruppe eine Bande von skrupellosen Dieben sei, die er überwinden müsse. Als Julius eine genaue Beschreibung dieses Zauberers bekommt, erkennt er in ihm Abbas Ibn Usama, Aladins teuflischen Schwiegeronkel, einen alten Feind des Bundes. In der Hoffnung, den arabischen Magier dadurch aufhalten zu können, überzeugen die Gefährten den Djinn, den Lügner für seine Falschheit zur Rechenschaft zu ziehen, was dieser auch gerne tun will.
Nach vielen Wochen, in denen sich die kleine Karawane durch die Wüste Sahara bewegt, treffen sie an einer winzigen Oase ein. Der einzige Bewohner, ein alter Ziegenhirt, erzählt ihnen, daß dies hier das letzte Wasserloch vor dem Ring aus Feuer wäre und sie dieses Gebiet schon in wenigen Tagen erreichen würden. Nachdem Kerim noch einmal alles überprüft und neue Wasservorräte aufgenommen hat, verlassen sie die Oase wieder.
Schon bald darauf erreichen sie den Ring aus Feuer. Diese Zone ist leicht zu erkennen, denn der weiße Sand der Sahara ist hier von der ewigen Hitze zu einer schwarzen Schlacke verbrannt, die die feurigen Strahlen der Sonne reflektiert und die Glut des Tages nur noch steigert. Das ganze Land ist ein einziger Backofen, so heiß, daß ungeschützte Körperteile innerhalb von Augenblicken schwere Verbrennungen davontragen. Der schwarze Boden glüht förmlich, sodaß jeder Schritt eine Qual ist. Die Sonne steht wie ein feuriger Ball am Himmel und versucht mit ihrem Gleißen, das Augenlicht der Menschen zu zerstören. Nichts lebt hier, kein Insekt, keine Pflanze, nicht einmal ein Windhauch regt sich.
Und so heiß wie die Tage, so kalt sind die Nächte des Rings: Wenn die blendende, weißglühende Sonne hinter dem Horizont versinkt, bricht ein eisiger Frosthauch über das geschundene Land hinein, kälter als in den Eiswüsten des fernen Nordens, sodaß den unglücklichen Reisenden fast der Atem erfriert. Der Übergang von glosender Hitze zu knochenbrecherischer Kälte ist so unmittelbar, so abrupt, daß es keine Erholung von den Extremen gibt, im Gegenteil, der plötzliche Wechsel führt zu Schwäche und Krankheit.
Denn als ob die Erschöpfung, die der Tag bringt, und die zitternde Kälte der Nacht nicht genug Plage für einen Reisenden wäre, kommen auch noch Fieberanfälle und zehrende Übelkeit über die weniger Ausdauernden von ihnen. So brechen Sir Quintus und Sheherazan schon nach dem ersten Tag der Reise in dem Ring aus Feuer von Krankheit geschwächt zusammen. Auch der Rest bleibt nicht verschont, aber bei diesen beiden nimmt das Fieber schon lebensbedrohliche Ausmaße an. Den Kamelen geht es kaum besser als den Menschen, vor allem Gamma wird den zweiten Tag nicht überleben. Der einzige, dem die Hitze nichts auszumachen scheint, ist Kerim – ihn schützt das Blut seiner Vorfahren, der Feuerdjinns, vor den schlimmsten Auswirkungen der zehrenden Hitze.
Am Abend des zweiten Tages stirbt das Kamel Gamma, und im Verlauf der Nacht rafft das Fieber auch den venezianischen Grog Giuliano dahin. Quintus und Sheherazan halten sich nur noch mit äußerster Willensanstrengung am Leben.
Da man während des Marsches nicht auf die Tragfähigkeit des toten Kamels verzichten kann, belebt Nakatia die Leiche Giulianos wieder, damit diese nun die Vorräte, die zuvor Gamma getragen hatte, mitnehmen kann. Aber der Untote ist kein beruhigender Reisegefährte: Von Zeit zu Zeit stöhnt er leise und fast nicht erkennbar den Namen „Violetta“ vor sich hin – nicht allzu oft, aber immer und immer wieder. Dies wiederum macht einige der Reisegefährten sehr nervös, insbesondere Frederik und Lionel.
Schließlich, gegen Ende des dritten Tages, erreicht die kleine Karawane endlich wieder normales Land, zunächst eine weiße Wüste, die aber schnell in sanfte Hügel und weites Grasland übergeht. Die Gefährten haben es geschafft: Sie haben den Ring aus Feuer überwunden und das Land südlich der Sonne erreicht.
Während sie sich noch in den Hügeln von den Strapazen erholen, läßt Nakatia den Geist des Giuliano wieder frei. Da die Möglichkeit, selbst so ein Untoter zu werden, Lionel große Angst einjagt, bittet er Julius, doch mit Nakatia zu reden, damit ihm so etwas nicht passieren könne. Da der sich allerdings weigert, da er wahrscheinlich ohnehin keinen Einfluß auf die Magierin haben würde, ist Lionel zutiefst enttäuscht und bittet Sir Quintus, doch eine neue Aufgabe für ihn zu finden. So wird der Waliser Leibgrog von Frederik, der als guter Christ sicher nicht zulassen wird, daß sein Wächter zum Untoten wird.
Von den Hügeln, auf denen sie lagern, haben sie einen guten Blick ins umliegende Land, und schon bald fällt ihnen eine prächtige Stadt, die weiter unten im Flachland liegt, auf. Als sie näher kommen, sehen sie, daß alle Häuser hier aus weißem Marmor erbaut sind, mit Dächern von reinem Gold, geschmückt mit unzähligen Edelsteinen. Die Stadt hat keine Mauern, man kann sie aus jeder Richtung betreten und verlassen, was angesichts des offensichtlichen Reichtums seiner Bewohner merkwürdig erscheint. Zunächst meinen die Gefährten, vielleicht tatsächlich in das sagenumwobene Reich des Priesterkönigs Johannes gekommen zu sein, aber schnell fällt auf, daß keines der Gebäude mit einem Kreuz oder einer ähnlichen Ikone geschmückt ist.
Da sie ihre Vorräte auffrischen müssen, beschließen die Gefährten, den Markt in der Stadt zu nutzen. Als sie am Fuß der Hügelkette ankommen, stellen sie sehr schnell fest, daß die Häuser der Stadt sehr viel größer sind, als sie zunächst dachten. Der Grund dafür ist nicht zu übersehen: Die Einwohner sind Riesen, drei Meter groß, manche von ihnen sogar noch größer. Zwar gibt es auch Menschen in den Straßen, jedoch scheinen die Giganten den größten Teil der Bewohner darzustellen. Bald schon wird die fremdartige Gruppe von einem der Riesen ausgemacht und von ihm begeistert in gebrochenem Latein begrüßt.
Wie es scheint, kommen nicht oft Leute aus dem Norden in die Stadt der Riesen. Daher sind sie und ihre Geschichten sehr willkommen, und so wird auch die Karawane aus Serpentia freundlich empfangen. Schon bald können sie erfahren, daß die Einwohner sich selbst Colossi nennen und ihre Stadt Dis heißt. Die Colossi sind hauptsächlich Gelehrte oder Handwerker, ein anscheinend friedfertiges und freundliches Volk, das die Neuankömmlinge voller Neugier aufnimmt. Die Menschen dieses Landes verehren die Giganten, von denen sie viele handwerkliche Fertigkeiten übernommen haben, und dienen ihnen gerne.
Doch trotz des herzlichen Empfangs bleiben die Gefährten mißtrauisch. Sie erinnern sich noch sehr genau an die Warnung Sophias, den Riesen nicht zu trauen. So beschließen sie, Dis sobald wie möglich zu verlassen. Da sie allerdings nicht gewillt sind, die Colossi direkt vor den Kopf zu stoßen, nehmen sie die Einladung, doch ein wenig in der Stadt zu verweilen, zunächst an und werden als Gäste bei einem der Herren von Dis untergebracht.
Als sie gerade das Bad, das ihr eingelassen wurde, genießt, bemerkt Nakatia, daß ihre ständige Begleiterin, die kleine Schlange Samt, fehlt. Auf der Suche nach ihr erfährt sie von ihrem Gastgeber, daß in diesem Land nichts Giftiges überleben kann – ein kleiner Beweis der Macht der Herren von Dis. Da die Magierin aber die Hoffnung nicht ganz aufgeben möchte, begibt sie sich noch einmal zurück in die Hügel oberhalb der Stadt, wo sie Samt dann auch tatsächlich findet. Die kleine Schlange hat die Gefahr rechtzeitig bemerkt und ist daher zurückgeblieben. Da sie auch keine Möglichkeit sieht, unbeschadet die Hügel zu verlassen, wird sie hierbleiben und auf die Rückkehr der Gefährten warten.
Am selben Abend noch gibt es ein Bankett zu Ehren der Neuankömmlinge, wo sie einen weiteren Europäer treffen: Don Luis, den Gesandten des Papstes, der den Priesterkönig Johannes für einen Kreuzzug gewinnen soll. Offenbar ist der Spanier in Dis geblieben, da er von der Lebensart und Kultur der Colossi sehr beeindruckt ist und diese nun vorsichtig missionieren will.
Nach dem Bankett und vielen Gesprächen treffen sich die Gefährten in Frederiks Zimmer. Dort beschließen sie, die Stadt noch in der Nacht zu verlassen. Bevor sie aber gehen, möchte sich Julius noch einmal in der Bibliothek von Dis umschauen. Insbesondere interessiert es ihn, ob die Buchstaben, die die Colossi verwenden, Ähnlichkeit mit den atlantischen Lettern aufweisen.
Da der Geist recht lange wegbleibt, versucht Nakatia schließlich, ihn einfach zurück zu beschwören, was aber nicht gelingt. Dies sorgt kurzfristig für Panik, und führt dazu, daß Sir Quintus in dunkler Gewandung losschleicht, um die Bibliothek nach Julius abzusuchen. Aber schon nach wenigen Schritten kommt ihm der Geist entgegen: Offenbar ist das Gebäude, in dem sich die Bibliothek befindet, magisch abgeschirmt. Er jedenfalls hat von einer Beschwörung nichts bemerkt. Um Nakatia zu beruhigen, kehrt er zu den anderen zurück. Immerhin hat er erfahren, was er wissen wollte: Die Colossi benutzen andere Buchstaben als die Atlanter.
Dennoch können die Serpentianer in dieser Nacht nicht aufbrechen: Quintus, der sich nach seinem Treffen mit Julius noch etwas in der Stadt umsehen wollte, kehrt nicht zurück. Der ehemalige Dieb ist nämlich von zwei Wachen beim Herumschleichen erwischt und im Palast eingesperrt worden. Erst am nächsten Morgen bekommen die anderen die Nachricht, daß ihr Schlüsselmeister ein Verbrechen begangen habe und dafür nun hingerichtet würde.
Natürlich will das niemand einfach so hinnehmen und mit der Hilfe von Don Luis schaffen es Frederik und Kerim auch, Sir Quintus aus seinem Gefängnis zu befreien. Jetzt allerdings hält sie nichts mehr in Dis, und obwohl die Colossi über ihre so baldige Abreise betrübt sind, halten sie sie doch nicht auf.
Während sie aber noch auf dem Marktplatz sind, um neue Vorräte zu erwerben, kommt es zu einer merkwürdigen Begegnung: Als Kerim und die Grogs gerade dabei sind, die neu erworbenen Nahrungsmittel auf die Kamele zu laden, kommt eine sehr alte Frau auf die Gruppe zu. Ihre Haut ist dunkel im Vergleich zu einem Araber, aber heller als die Haut der Menschen, die die Reisenden bisher hier gesehen haben. Sie trägt nur ein kurzes, einfaches Gewand, aber ihr Gesicht und auch der Rest ihres Körpers sind mit bunten Farben bemalt und verziert. In ihrem kurzen, fast weißen Haar stecken bunte Federn von exotischen Vögeln.
Sie scheint überglücklich zu sein, die Fremden zu sehen und spricht sie sofort in einer unverständlichen Sprache an, die Frederik aber durch seine Magie zugänglich wird. So hört er, wie sie die Reisenden als „Befreier des Drachen“ begrüßt und mit Freudentränen in den Augen behauptet, jetzt würde er endlich wieder fliegen. Schließlich verkündet sie, jetzt, da die Zeit gekommen sei, könne sie beruhigt sterben. Und noch während Frederik versucht, ihr Fragen zu stellen, setzt sich die Alte umständlich auf den Boden, lächelt noch einmal in vollkommener Freude und sinkt dann in sich zusammen: Ihr Leben ist von ihr gegangen.
Noch verwirrt von den rätselhaften Worten der alten Frau reisen die Gefährten zunächst zu dem Haupthandelsplatz der Colossi, dem Cormoran. Dort wollen sie sich mit Vorräten eindecken. Der Cormoran ist tatsächlich eine kleine Siedlung mit einem riesigen Marktplatz. Er liegt im Schatten eines gigantischen Felsobelisken, der von weithin zu sehen ist. Hierher kommen die Stämme des Veldts, schwarzhäutige Menschen, die als Nomaden in den weiten Graslanden im Westen leben, um den Colossi Tribut zu zahlen. Warum sie das tun, können die Gefährten nicht genau herausfinden: Offenbar ist es eine Art Tradition.
Hier erfährt Frederik auch, daß der grüne Urwald, den Quintus in seiner Traumvision gesehen hat, ganz im Süden liegt: Der Dschungel des Horns, wo friedfertige Stämme leben, deren Träumer sie vor allen Gefahren behüten sollen. Die einfachste Reiseroute scheint über Niobia im Osten und dann durch Kerait, das Land des Priesterkönigs Johannes, zu führen.
Also brechen die Gefährten zunächst nach Niobia auf. Diese Stadt wurde schon vor langer Zeit von den Flüchtlingen aus den Ruinen Karthagos gegründet. Seither leben die letzten Abkömmlinge der Karthager, deren stolze Handelsstadt vor vielen Jahrhunderten von den Römern geschleift wurde, als Fremde in diesen Land. Sie verbinden sich kaum mit den Eingeborenen, sodaß man den Einwohnern Niobias ihre Abkunft von der Nordküste Afrikas immer noch ansieht: Sie sind viel hellhäutiger als die einheimischen Stämme, und auch in ihren Gesichtszügen ähneln sie mehr Arabern als Äthiopiern.
Die Niobier sind ein stolzes Volk, das immer noch seinen alten Traditionen und dem alten Glauben an die Göttin Juno anhängt. Um ihre Einzigartigkeit zu bewahren, sind sie Söldner geworden, die die Stämme des Veldts mit ihrer überlegenen Taktik und Waffentechnik in ihren Kriegen unterstützen. Diesen gewalttätigen Lebensstil sieht man auch ihrer Stadt an: Niobia mit seinen drei Mauern ist nicht schön oder elegant, sondern praktisch und gut zu verteidigen. Die Gebäude sind meist recht hoch, die Straßen so eng wie die Gassen Europas, und die Menschen hier sind nicht zum Vergnügen unterwegs, sondern um ihren Pflichten nachzugehen. Das Christentum wird hier aus Respekt vor dem benachbarten Königreich zwar geduldet, aber nicht gerade geschätzt.
Diese Erfahrung macht Sir Quintus auf eine sehr persönliche Art und Weise: In der Markthalle Niobias stehen drei christliche Statuen, die aber hauptsächlich der Stadtjugend als Objekt der Verspottung dienen. Gerade als die Gefährten die riesige Halle betreten, wird ein alter Eingeborener, der es gewagt hat, das Christentum gegen eine Spottrede zu verteidigen, von einer Horde karthagischer Jugendlicher verprügelt. Mit Athanasius´ Hilfe gelingt es dem italienischen Ritter allerdings, den alten Mann zu retten, der ihnen auch sehr dankbar ist.
Schon bald aber verlassen die Gefährten Niobia wieder und reisen weiter Richtung Süden, wo sie nicht lange nach ihrem Aufbruch das Reich des Priesterkönigs Johannes betreten: Kerait. Hier leben die Goldenen Stämme, ein Volk von schwarzhäutigen Menschen, die schon vor langer Zeit missioniert wurden. Dennoch hat sich das Christentum erst mit der Machtergreifung des Johannes wirklich durchsetzen können. So leben die Menschen hier noch eine sehr ursprüngliche Art der Religion, die vor allem Frederik sehr gut gefällt, denn die Kirche scheint in Kerait noch nicht in Dogmen und theologischen Debatten erstickt zu sein.
Kerait ist kein sehr reiches Land. Zwar leben die Menschen nicht in Armut, aber von den Flüssen von Gold und Edelsteinen, von denen der Missionar, dessen Bericht Nakatia und Cyriano in Questorin gelesen haben, berichtet hatte, ist nicht viel zu sehen. Die Lebensart ist einfach, es gibt keine großen Städte, nur viele kleine und mittlere Dörfer.
Die einzige Stadt, die diesen Namen auch verdient, ist Ushan, die Hauptstadt des Reiches. Hier residiert auch der Priesterkönig. Hauptsächlich aus Holz erbaut, gibt es in Ushan wenigstens ein paar Anzeichen der Pracht: Riesige, reich verzierte Statuen, die vor den Toren der Stadt wie schweigende Wächter stehen, Holzschnitzereien an den Häusern und ein großes Palastgebäude.
Die Gefährten haben Glück: Sie erreichen Ushan kurz vor Beginn der Regenzeit, die hier fast drei Monate lang anhält. Kaum haben sie sich in einem kleinen Gasthof eingerichtet, als auch tatsächlich der Himmel seine Schleusen öffnet. Zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch vor fast einem halben Jahr sehen die Reisenden wieder Regen. Zumindest Kerim ist das nicht allzu lieb: Er mag kein Wasser, gleich in welcher Form.
Kurz nach der Ankunft der seltsamen Fremdlinge, die sicherlich von weither kommen müssen, sendet der Priesterkönig einen Boten aus, der die neu Angekommenen zu einer Audienz lädt. Wohl oder übel gehen die Gefährten darauf ein, und da sie die Tradition der Gastgeschenke in diesem Land mittlerweile kennen, entscheiden sie sich, das Kamel Delta dem König zu überlassen: Schließlich gibt es diese Tiere südlich der Sonne überhaupt nicht.
Die Audienz findet in der Thronhalle des Palastes statt. Da Frederik als einziger der Magier in der Lage ist, seine Zauberkraft so zu nutzen, daß er fremde Sprachen verstehen und sprechen kann, führt er ein langes Gespräch mit dem Priesterkönig, der ihn über die Länder und auch die Kirche der nördlichen Reiche ausfragt. Zwar gibt es viele Dinge, die Johannes an dem Berichteten nicht gefallen, aber er ist ein zu weiser Mann, um sein Mißvergnügen an dem Erzähler auszulassen. Ganz im Gegenteil: Für die Kunde, die die Fremden ihm gebracht haben, werden sie reichlich mit Gold und kostbaren Juwelen beschenkt. Seinerseits ist der Priesterkönig auch über Delta sehr erfreut. So scheiden die Gefährten in Freundschaft von einem der mächtigsten Herrscher des Südens.
Während Kerim und die Grogs die Vorräte auffrischen, suchen die Magi und Sir Quintus einen Geschichtenerzähler auf, um mehr über den Dschungel des Horns und den Drachen, den sie nach der Prophezeiung der alten Frau aufwecken sollen, zu erfahren. So hören sie, daß der Name des Drachen Kor-ny-Kor lautet, und daß er einstmals oft gesehen wurde, wie er mit seiner Gefährtin über das Land flog. Dann aber wurde die Drachin von den Zauberern der Colossi gefangengenommen und unter einem Hügel gebunden, ihre drei Eier jedoch entgingen den Riesen. Der Legende zufolge sind sie über das Land verstreut, eines davon soll sich im Tempel der Juno in Niobia befinden. Seit der Gefangennahme seiner Gefährtin fliegt Kor-ny-Kor nicht mehr und auch sein vormals freundliches Gemüt hat sich gewandelt und ist wankelhaft und unbeständig geworden.
Auch über die Träumer kann der Geschichtenerzähler einiges berichten: So sollen sie die Macht haben, die Träume anderer zu beeinflußen, sodaß diese sogar im Wachen die Wünsche des Träumers erfüllen. Auch sollen sie in der Lage sein, die tiefsten Geheimnisse anderer so zu erkennen. Selbst die wache Welt können diese Schamanen in ihren Träumen beobachten.
Nach einiger Beratung entscheiden sich die Gefährten, nach Niobia zurückzukehren und dort zu versuchen, das Drachenei zu stehlen. Sie hoffen, daß der Drache dann eher geneigt wäre, sie anzuhören und ihnen den Schlüssel zu geben. Immerhin hat die fast einmonatige Rückreise den Vorteil, daß sie damit aus dem Bereich der Regenzeit hinaus kommen, was zumindest Kerim eine große Erleichterung ist.
Als sie wieder in Niobia angekommen sind, versuchen zunächst Frederik und Sir Quintus, als schwarzhäutige Einheimische verkleidet in den Tempel der Juno zu gelangen, um herauszufinden, wo denn das Drachenei aufbewahrt wird. Dieser Versuch scheitert allerdings zum einen an Frederiks diplomatischem Ungeschick, zum anderen daran, daß ohnehin nur Niobier von reinem karthagischen Blut die Kultstätte betreten dürfen. Daraufhin trennen sich die beiden Männer, und während Frederik zurückbleibt, um den Tempel zu beobachten, besucht Quintus seine christlichen Freunde in der Stadt. Von dem alten Mann, den er bei seinem letzten Aufenthalt gerettet hat, kann er dann auch erfahren, daß die Priesterinnen der Juno höchstwahrscheinlich über magische Fähigkeiten verfügen.
Da die beiden nicht viel erreicht haben, begibt sich Julius am Abend selbst in den Tempel. Dort kann er die Priesterinnen bei einem Ritual beobachten, wobei er feststellt, daß in der Decke des Gebäudes eine große Öffnung ist, die augenscheinlich dazu bestimmt ist, Mondlicht in die große Halle zu lassen. Auch das Drachenei kann der Geist finden: Es ist zu einem Teil der großen Statue von Juno verarbeitet worden.
Mit diesen Erkenntnissen kehrt er zu den anderen zurück. Gemeinsam beschließen sie, daß Quintus als Einbrecher und Lionel als Fluchtspezialist durch die Öffnung im Dach in den Tempel eindringen und das Ei stehlen sollen. Sollte es zu einer Verfolgung kommen, haben die beiden einen großen Vorteil, da sie die Kamele Alpha und Beta benutzen können, während die Karthager über keinerlei Reittier verfügen.
So geschieht es dann auch. Im Tempel ist nur eine einzige Priesterin als Wache aufgestellt, die Sir Quintus leicht überwältigen kann. So entwendet er das Drachenei ohne Schwierigkeiten. Der Diebstahl wird zwar recht schnell bemerkt und die zwei Diebe von einer Kohorte entschlossener Karthager verfolgt, aber die auf Kamelen Reitenden erweisen sich tatsächlich als zu schnell für die Niobier. Zusätzlich hinterlassen die beiden Männer noch ein paar Fallen auf dem Weg, sodaß die Verfolger kurz vor der Grenze zu Kerait entmutigt aufgeben.
Der Rest der Gefährten reist Quintus und Lionel gemütlich hinterher. Schließlich treffen sich alle in den Hügeln von Kerait wieder und setzen ihren Weg zum Dschungel des Horns gemeinsam fort.
Fast anderthalb Monate später erreichen sie ihr Ziel. Die Regenzeit hat sie wieder eingeholt, sodaß Kerims Gesundheitszustand nicht zum Besten ist, dennoch läßt der Karawanenführer kein Wort der Klage hören.
Der Dschungel des Horns ist ein riesiger Urwald, der die gesamte Südspitze des Kontinents bedeckt. Hier stehen gigantische Bäume, aber ungleich den bekannten europäischen Wäldern gibt es auch zwischen den Baumriesen kein noch so kleines Fleckchen freier Erde. Alles ist zugewuchert mit Pflanzen aller Art: Riesigen Blumen, in deren Kelchen winzige Frösche leben, Moosen mit kaum sichtbaren, betörend duftenden Blüten, Flechten, Pilzen, Büschen, Farnen und anderen Gewächsen, wie sie die Gefährten nie zuvor gesehen haben. Selbst auf den modernden Überresten von gefallenen Baumriesen blühen neue Pflanzen auf, sodaß nichts hier wirklich tot wirkt. Die Luft ist erfüllt mit den Schreien von seltsamen, unbekannten Tieren, und überall flattern bunte Vögel, einige riesenhaft wie Adler, andere kaum so groß wie der kleine Finger eines Mannes, durch die Lüfte.
In den hohen Ästen der Bäume tummeln sich laute Affen, die die Neuankömmlinge interessiert beobachten. Überall in diesem Hort des überschwenglichen Lebens gibt es Eidechsen, Frösche und Insekten in unglaublich schrillen und bunten Farben, blau, grün, rot und orange. Auch Schlangen fehlen nicht: Um ihre Anwesenheit zu entdecken – denn manche der hier lebenden Tiere sind so gut getarnt, daß man sie mit bloßen Auge schier nicht entdecken kann – spricht Frederik einen Zauber, der es ihm ermöglicht, die giftigen Reptilien sofort zu bemerken.
Über allen Geräuschen der Tiere des Dschungels, über dem Kreischen der Affen und bunten Vögel, liegt ein eindeutiger Rhythmus, denn tief und dumpf, wie das Schlagen eines riesigen Herzens, hört man Trommeln. Keiner der Gefährten kann sagen, woher das Dröhnen kommt, es scheint von allen Richtungen auf sie einzudringen, ohne daß sich der Rhythmus je verändert.
Schon bald kann Julius ein weiteres Zeichen für die Anwesenheit menschlicher Bewohner in diesem Urwald entdecken: Völlig unbemerkt von den Gefährten nähern sich ihnen sechs recht kleinwüchsige Männer, die nichts außer einem schmalen Lendenschurz tragen. Genau wie bei der alten Frau auf dem Marktplatz in Dis ist auch ihre Haut verziert und bemalt und heller als die der Bewohner der Ebenen außerhalb des Dschungels. Sie sind leise wie schleichende Katzen, und ihre einzigen Waffen scheinen große Blasrohre zu sein.
Selbst als Julius die anderen auf die Beobachter aufmerksam macht, können diese die Einheimischen nicht entdecken. Da sie nicht wissen, ob die Verborgenen ihnen freundlich oder feindlich gesinnt sind, benehmen sie sich zunächst, als ob sie sie nicht bemerkt hätten. Bald jedoch wird zumindest diese Frage geklärt: Einer der Bemalten hebt sein Blasrohr und schießt einen winzigen Pfeil auf eines der Kamele ab. Das Tier bricht fast sofort zusammen und beginnt, heftig zu zittern. Offenbar war der Pfeil vergiftet.
Nakatia gelingt es, Beta zu retten, indem sie das Gift in seinem Körper zerstört. Als die Eingeborenen sehen, wie das Tier sich schnell erholt und wieder auf die Füße kommt, ziehen sie sich zurück. Wieder kann nur Julius sie beobachten.
Durch diesen Zwischenfall sind die Gefährten äußerst beunruhigt. Die Stämme des Horns wurden ihnen bisher immer als sehr friedfertig und freundlich geschildert. Niemand hat jemals gehört, daß sie Fremde einfach grundlos angreifen. Mit größter Vorsicht ziehen sie weiter. Ihre Angreifer kehren zunächst nicht zurück.
In dieser Nacht haben alle Angehörigen der Reisegruppe äußerst beunruhigende Träume, aus denen sie mit einem Gefühl der Dringlichkeit und dem Wunsch, so schnell wie möglich heimzukehren, erwachen. Einzig Nakatia gelingt es, dem Verursacher dieser Träume zu begegnen. Von ihm erfährt sie, daß ein fremder Reisender die Träumer der Stämme gewarnt hat, daß andere Hellhäutige kommen würden, um den Drachen aufzuwecken, der daraufhin Tod und Verderben über das Land bringen würde. Die Beschreibung des Fremden trifft genau auf Abbas Ibn Usama zu. Nakatia kann den Traumschamanen überzeugen, daß sie den Menschen dieses Landes nichts Böses will, und ihn überreden, sich in der wachen Welt mit ihr zu treffen, damit sie Abbas mit seinen Lügen konfrontieren kann.
Aber es kommt nicht zu diesem Treffen: Als Nakatia und die anderen an dem Dorf ankommen, wo der Schamane sie erwarten wollte, finden sie nur noch die rauchenden Ruinen von etwa einem Dutzend einfacher Hütten und einige verkohlte Leichen vor. Erst nach ausgiebiger Suche können sie ein paar Überlebende finden. Nach einigen Schwierigkeiten erfahren sie von den verängstigten Menschen, daß Abbas Ibn Usama als Gast in ihren Dorf weilte. An diesem Morgen hatte er offenbar einen heftigen Streit mit dem Träumer der kleinen Ansiedlung, der damit endete, daß der arabische Magier drei Djinns beschwor, die dann das Dorf in Schutt und Asche legten.
Durch die Trommeln, die als Verständigungsmittel unter den Stämmen benutzt werden, können die Gefährten Abbas recht schnell aufspüren. Zusammen mit ein paar Einheimischen wollen sie den Teufelsanbeter und seine Djinns angreifen. Die Überlebenden des Massakers in dem kleinen Dorf haben berichtet, daß der Magier zwei Feuergeister und einen Luftgeist bei sich haben soll. Da solche Wesen am besten durch das ihnen entgegengesetzte Element zu vernichten sind, veranlaßt Frederik eine Horde von Affen, die beiden Feuerdjinns mit großen Früchten, in denen viel Feuchtigkeit angesammelt ist, zu bewerfen. Gegen den Luftdjinn wird Staub gesammelt und an die Stammeskrieger verteilt.
So kommt es zum Kampf. Abbas hat die Lichtung kurz zuvor in einem saphirnen Aufblitzen verlassen, sodaß sich nur die drei Djinns den Angreifern stellen. Während des Kampfs gelingt es Cyriano, einen der Feuerdjinns in einen Rubin zu bannen, den ihnen der Priesterkönig Johannes geschenkt hatte; der andere wird von Kerim, dem seine Flamme nicht viel ausmacht, so lange festgehalten, bis die anderen ihn gelöscht haben. Einzig der Luftdjinn entkommt, wenn auch stark geschwächt.
Von dem arabischen Diener des Abbas erfahren die Gefährten, daß der Teufelsanbeter vor kurzer Zeit durch den Saphirspiegel, sein magisches Artefakt, geflohen ist. Vor allem Cyriano ist an dem mächtigen Gegenstand sehr interessiert, da seine Träume darauf hinzuweisen scheinen, daß seine Geliebte Sara in einem solchen Spiegel gefangengehalten wird.
Da die Gefahr, die von Abbas ausgeht, nun zunächst gebannt scheint, reisen die Gefährten weiter. Die Einheimischen können ihnen den Weg zur Höhle des Drachen weisen, die an der Quelle des Flusses Physon liegt. Einer der Träumer warnt sie noch, daß Kor-ny-Kor einer der besten Traumschamanen des ganzen Dschungels ist, und daß er seinen Schatz sehr eifersüchtig hütet.
Auf dem Weg zur Drachenhöhle versucht der entflohene Luftdjinn, das Drachenei zu stehlen oder zu vernichten, wird dabei aber erwischt und nach einem kurzen Kampf von den Magiern zerstört.
Bei einer Rast an einem Ort, der noch ungefähr eine Tagesreise von der Höhle entfernt liegt, haben alle Reisenden sehr merkwürdige und wilde Träume. So träumt unter anderem Cyriano von einem seltsamen Aufnahmeritual, das er bei seiner Ankunft in Serpentia mitmachen muß: Dabei wird von ihm verlangt, daß er nackt und mit einem Bierkrug auf dem Kopf auf dem Küchentisch sitzt…
Dennoch ist der Schlaf dieser Nacht sehr erholsam. In guter Stimmung reisen die Gefährten weiter und erreichen schließlich die Höhle des Drachen. Überall davor und darin liegen Juwelen von atemberaubender Größe und Schönheit, filigrane Schmuckgespinste aus Gold und Silber und Edelsteinen, Klumpen von Edelmetall, alt erscheinende Bücher mit kostbaren Einbänden, Kronen, Ringe, Halsketten, Armreife – kurz, ein Schatz von solchem Wert, daß er alle Vorstellung übersteigt. Allein der Drache, der Hüter dieses Reichtums, ist nicht zu sehen. Auch auf Rufe reagiert niemand, ruhig liegt der Dschungel da. Allenfalls ein gelegentliches Glucksen von dem kleinen Bächlein, das aus der Höhle fließt, ist zu hören.
Die Gefährten schlagen zunächst ein Lager auf, um dort auf die Rückkehr des Drachen zu warten. Und trotz des verführerischen Blinkens des Goldes und der Juwelen läßt sich niemand verführen, auch nur ein Stück des Drachenschatzes anzurühren. Als ein Tag vergangen ist, ohne daß sich der Drache gezeigt hätte, und die Wartenden weder bereit zu sein scheinen, einfach aufzugeben, noch sich an den Kostbarkeiten vergriffen haben, ertönt auf einmal eine tiefe, dröhnende Stimme wie das Grollen der unvermeidlichen Trommeln in den Köpfen der Gefährten. Sie verkündet ihnen, daß sie die Probe bestanden hätten und jetzt wirklich zu der Höhle kommen dürften. Dann wachen alle auf – an dem Lagerplatz eine Tagesreise von der Quelle entfernt. Offenbar waren ihre letzten Erlebnisse nur ein Traum, eine Prüfung des Drachen.
Nachdem sie den letzten Abschnitt ein zweites Mal, wie es scheint, hinter sich gebracht haben, erreichen sie die Höhle diesmal in der wachen Welt. Nach einer über achtmonatigen Reise sind sie endlich am Ziel.
Der Drache erwartet sie schon und hört sich ihr Anliegen ruhig an. Er befindet sich tatsächlich im Besitz des Silbernen Schlüssels, den er schon seit über hundert Jahren für die Schwarze Drachin hütet. Kor-ny-Kor kennt das Geheimnis des Kleinods und weiß, daß ein Unberechtigter ihn niemals anfassen könnte. So ist er gern bereit, Sir Quintus versuchen zu lassen, den Schlüssel aufzunehmen – schließlich ist dieser nicht wirklich ein Teil seines Horts und kann daher auch wieder weggeben werden. Dem Schlüsselmeister von Serpentia gelingt diese Prüfung ohne weiteres, woraufhin Kor-ny-Kor ihm den kleinen silbernen Drachen gerne überläßt.
Im dem darauf folgenden Gespräch wird klar, daß die Schwarze Drachin die Bjornaer Maeve war, die Principa von Serpentia vor über hundert Jahren. Offenbar war ihr ein kürzerer Weg hierher bekannt, aber es war ein Weg, den nur Drachen gehen können. Kor-ny-Kor kannte sie schon vorher und ist nun betroffen, als er hört, daß Maeve tot ist.
Um den Drachen ein wenig in seinem Kummer über eine weitere tote Artgenossin hinwegzutrösten, präsentieren ihm die Magier das Ei, das sie im Tempel in Niobia gestohlen haben. Kor-ny-Kor ist überglücklich, dachte er doch, daß die Eier mit seiner Gefährtin verlorengegangen wären. Voller Freude bedankt er sich bei den Gefährten und ist gern bereit, jede ihrer Fragen zu beantworten. So kann er auch Cyriano einiges über die Edelsteinspiegel sagen: Sie sind magische Artefakte aus einer lange vergangenen Zeit und nicht einmal ihm sind alle ihre Kräfte bekannt. Allerdings weiß er, daß man sie zu Reisen verwenden kann, auch zu Reisen in Traumreiche. Es ist ebenfalls möglich, einen solchen Spiegel als Gefängnis zu verwenden, sollte man aber versuchen, den Gefangenen zu befreien, so muß man dies in seinem Inneren tun. Es hilft überhaupt nichts, den Spiegel zu zerschlagen, ganz im Gegenteil, es zerstört den einzigen Ausgang, der aus dem Gefängnis heraus führt.
Cyriano ist nun entschlossen, Abbas den Saphirspiegel irgendwann abzujagen, um seine Geliebte zu retten. Da die Magi von Serpentia zu den erklärten Feinden des Arabers gehören, entschließt er sich, mit Nakatia und Frederik zu diesem Bund zu reisen und dort um Aufnahme zu bitten.
So verlassen sie den glücklichen Drachen, der ihnen seine Freundschaft verspricht, und machen sich an die lange und mühselige Reise in die Heimat. Schließlich gelangen sie nach über einem Jahr Ende des Frühling 1187 wieder in Serpentia an. Die Durchquerung des Rings aus Feuer hat diesmal keine Menschenleben gefordert, aber sie haben hier auch noch Beta verloren, sodaß von den vier Kamelen nur Alpha nach Arabien zurückkehrt.
Im Bund bittet Cyriano de Cabezon, Filius des Facturus, aus dem Haus Verditius, um seine Aufnahme, die ihm gewährt wird – auch ohne daß er das große Küchenritual mitmachen muß…

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Marganma

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