Serpentia

Smaragdne Träume

Frühling 1187

Julius, Roger MacNamarra, Bruder Lukas

Kurz nach seiner Rückkehr beschließt Julius, die im Dschungel des Horns gefundenen Traumkräuter auszuprobieren. Dazu läßt er die Blätter von Radost anzünden und wird durch deren Dämpfe tatsächlich in einen schlafähnlichen Zustand versetzt.
Der Geist findet sich schließlich in einer großen, smaragdfarbigen Halle wieder. In der Mitte der Halle steht eine riesige Säule, die in der hohen Decke verschwindet. Es gibt hier unzählige Ausgänge, Türen, Tore, Portale, Treppen und andere Möglichkeiten, die in grünliches Licht getauchte Halle zu verlassen. Alles hier scheint aus einem smaragdartigen, kristallnen Material zu sein, und jede säuberlich geschliffene Fläche spiegelt das allgegenwärtige Licht, das keine Quelle zu haben scheint, wieder.
Julius ist nicht allein hier, außer ihm sind noch zwei andere Männer anwesend: Ein hagerer Mönch mit fanatisch leuchtenden Augen und ein untersetzter, kräftiger Ritter mit einem dem Geist unbekannten Wappen. Bei der Vorstellung, bei der sich die beiden als Sir Diarmuid und Bruder Lukas aus Irland vorstellen, unterläuft Julius eine Respektlosigkeit dem Adligen gegenüber. Dieser schlägt den unverschämten Italiener dafür, und zum ersten Mal seit Jahren spürt dieser den Schlag auch. Kurz darauf aber verschwindet der Ritter, und an seiner Stelle taucht wie aus dem Nichts ein recht hochgewachsener Mann mit ungewöhnlichen, violetten Haaren auf. Es stellt sich schnell heraus, daß dies Roger MacNamarra, ein hermetischer Magier aus dem Haus Tytalus ist.
Bei den Gesprächen zwischen den drei Männern fällt Julius recht bald auf, daß seine beiden neuen Bekannten aus einer anderen Zeit, wahrscheinlich der Zukunft, kommen müssen. Schließlich behauptet Bruder Lukas, den Bund Serpentia zu kennen und erwähnt Aidan und einige der Magier wie alte Bekannte. Dennoch ist dieser Mann bisher noch nie aufgetaucht. Da die Erinnerungen, die Julius an das Geschehene hat, jedoch recht lückenhaft sind, wie man es von Träumen gewohnt ist, weiß niemand mehr zu sagen, von wann es die beiden Männer nun tatsächlich hierher verschlagen hat.
Jedenfalls kommen alle drei zu dem Ergebnis, daß dies hier ein Traum sein muß, da sich sowohl Roger als auch Lukas kurz zuvor schlafen gelegt haben und sich ansonsten nicht erinnern könnten, wie sie an diesen Ort gekommen sind. Es wird auch bald klar, daß sie hier nicht so einfach weg können: Zwar ist es ihnen möglich, durch eine der unzähligen Türen ins Freie zu gelangen, aber es wird ihnen dabei unwohl und jeder der Männer kann spüren, daß noch etwas von ihm in der smaragdnen Halle zurückbleibt. Wenn man durch einen der Ausgänge nach draußen geht, sieht man dort statt einem Eingang nur einen Spiegel, der wie aus Smaragd gefertigt zu sein scheint.
Jetzt endlich wird Julius klar, daß sie sich in einem der Edelsteinspiegel befinden müssen. Nur ist dieser hier eben nicht aus Saphir, wie der schon bekannte, den Abbas Ibn Usama in Besitz hat, sondern aus Smaragd. Als der Geist diese Tatsache erfaßt, erinnert er sich auch, daß vor vielen Jahren einmal Andrew, Theobald, Petrus und Hugo im Traum in einen solchen Spiegel gezogen wurden.
Während die drei Männer noch die große Halle erforscht haben, gingen in unregelmäßigen Zeitabständen zuerst leichte, dann immer stärkere Erschütterungen durch das ganze Gebilde. Auch der Spiegel, den man von außen sehen kann, weist schon haarfeine Risse auf. Die Ursache der dumpfen Schläge scheint sich innerhalb der großen Säule, die durch die Halle geht, zu befinden. Zumindest behauptet Lukas, er habe eine göttliche Vision gehabt, in der er eine Person sah, die in einem Gefängnis aus Smaragd, das keine Decke hat, mit einem Hammer auf die kristallnen Wände einschlug.
Da Roger schon zuvor gesehen hat, daß sich in der Säule irgend etwas bewegt, ist es gut möglich, daß Lukas recht haben könnte. Um einen Eingang zu finden, untersuchen alle drei Männer nun das riesige Gebilde. Dabei fallen Julius einige atlantische Schriftzeichen an der Basis der Säule auf, die er sich aber weder merken noch verstehen kann.
Da sie hier keinen Eingang entdecken können, beschließen Roger, Lukas und Julius, weiter nach oben zu gehen, um dort vielleicht ins Innere zu gelangen. Nach einem langen Anstieg, während dem die Erschütterungen immer schlimmer werden und nun schon größere Schäden an den Treppen und Wänden entstehen, gelangen sie endlich an den höchsten Punkt des ganzen Gebildes. Dort gab es ehemals eine filigrane Brücke, die auf eine Plattform am Gipfel der Säule führte, aber die ständigen Beben haben die feine Struktur zerstört. Mit etwas Magie gelingt es den Männern allerdings, auch dieses Hindernis zu überwinden.
Auf der Plattform stellen sie fest, daß die Säule tatsächlich hohl ist. Obwohl es keine ersichtliche Treppe nach unten gibt, ist der Abstieg unter normalen Umständen nicht allzu schwierig zu schaffen, da die kristalline Strukter genügend Vorsprünge und Absätze besitzt, an denen man sich festhalten kann. Da die Umstände allerdings mit den ständigen Beben nicht ganz normal sind, wäre Julius um ein Haar in den Abgrund gefallen, bis er feststellt, daß er hier im Traum seine Magie wieder einsetzen kann.
Schließlich können die Gefährten den Boden der Säule entdecken. Und tatsächlich: Dort steht eine menschliche Gestalt, die mit einem eisernen Hammer versucht, die Wände der Säule zu zerstören, genau wie Lukas es vorausgesehen hatte. Als sie näher kommen, erkennen sie, daß es sich bei der Gestalt um einen verzweifelt aussehenden, blonden Jungen von vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahren handeln muß.
Nach einigem guten Zureden gelingt es den Männern, das Kind zu beruhigen. Bei einer Vorstellung erfahren sie, daß es sich bei ihm um Connor MacRath handelt, einen jungen Schotten, der von seinem geldgierigen Onkel an einen durchreisenden Magier als Lehrling verkauft wurde: An Alocar d´Alencon! Offensichtlich kommt der Junge von einer noch anderen Zeitschiene als Roger und Lukas, er muß irgendwann zwischen der Gegenwart und der Zukunft, aus der die beiden stammen, kommen.
Da Alocars Lehrmethoden sich nicht sichtlich geändert haben, versuchte Connor schließlich, ihm mit Hilfe des Smaragdspiegels zu entkommen. Dabei fand er die Plattform und beschloß, das Säuleninnere zu erforschen. Er hatte allerdings wohl keine große Erfahrung im Klettern und stürzte relativ weit oben ab. Mit Hilfe der Magie, die er schon erlernt hatte, gelang es ihm zwar, seinen Sturz abzufangen, dennoch brach er sich beim Aufprall auf den Boden den Fußknöchel, sodaß nicht mehr daran zu denken war, wieder hinaufzuklettern. Also erschuf er sich den Hammer und versuchte verzweifelt, sich den Weg nach draußen wieder freizuschlagen, was die Erschütterungen und Beben verursachte.
Mittlerweile ist allerdings der Schaden an dem Spiegel so schlimm geworden, daß auch das Aufhören der Schläge den Zerfall der Struktur in seinem Inneren nicht mehr aufhalten kann. Also unterstützt Roger Connor beim Heraufklettern und beschließt gleichzeitig, den mißhandelten Jungen mitzunehmen, um seine Ausbildung selbst zu beenden. Dazu allerdings muß er zunächst den richtigen Ausgang finden.
In dem zerfallenden Gebilde machen sich die drei Männer und der Junge nun auf die Suche nach den Toren, durch die sie hineingekommen sind. Andere Portale, erklärt ihnen Connor, nützen ihnen gar nichts, da sie nicht körperlich, sondern nur im Traum hier sind. Er selbst kann jeden beliebigen Ausgang nutzen, entscheidet sich aber dafür, mit Roger zu gehen.
Schließlich gelingt es ihnen, zunächst Lukas zurückzuschicken, dann finden sie endlich auch die richtige Tür für Julius. Als er sie durchschreitet, findet er sich in dem Raum in Serpentia wieder, wo er das Experiment gestartet hat. Was aus Roger und Connor geworden ist – oder werden wird – vermag er nicht zu sagen, aber es ist ihm immerhin gelungen, einige Splitter des smaragdnen Palastes mit sich zu bringen, wenn auch niemand anders sie sehen oder berühren kann – auch keiner der anderen Geister.
Da die Erinnerung an diesen Traum auch bei Julius schnell schwindet, berichtet er zunächst Radost und dann auch einigen anderen von diesen Ereignissen. Ob das alles aber nun wirklich geschehen ist – geschehen wird? – oder ob es nur ein ungewöhnlich lebhafter Traum, durch die Kräuter verstärkt, war, kann auch der Geist selbst nicht sagen.

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Marganma

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