Serpentia

Terminus' Erinnerung

Winter 1181

Terminus erhält Nachricht aus Sol Noctis: Phantastos und Fabula sind mit ihren Vorbereitungen fertig und bereit, den Tytalus in ein zweites, heilendes Zwielicht zu werfen. Der Schotte unterbricht daraufhin seine Laborarbeit und reist zu dem benachbarten Bund. Dort erklärt ihm Fabula, daß er zwar während seines ersten Zwielichts eine Entdeckung machte, diese aber dann irgendwie verdrängt haben muß. Seine Probleme mit Intellego rühren daher, daß er instinktiv versucht zu vermeiden, die Erinnerung an das Vergessene wiederzufinden. In einer zweiten Begegnung mit dem Zwielicht mag es sein, daß die Eindrücke zu stark für eine Verdrängung werden und so auch die Intellego – Hemmung vergeht.
Terminus weiß zwar nicht genau, was das heißen soll, aber er beugt sich der größeren Erfahrung der Criamon auf diesem Gebiet. Schon kurz nach seiner Ankunft sprechen die beiden Magi einen Spruch, und Terminus´ Geist verläßt diese Welt.
Er findet sich schon bald in einer kleinen Hütte in seinem schottischen Heimatdorf wieder. Neben ihm sitzt ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren, sein Bruder Theobald, damals Belial genannt. Auch der Magier selbst ist jünger, und er weiß auch ganz genau, wie alt. Er befindet sich in seiner Erinnerung wieder an seinem dreizehnten Geburtstag, dem Tag, an dem seine Eltern ihn ihrem Schutzpatron Charnas opfern wollen Auch sein Name lautet hier anders: Sein Vater hat ihm den Namen Chlannich gegeben, ein Wort aus der Schwarzen Sprache, dessen Bedeutung allerdings im Verborgenen liegt. Alles ist genauso wie damals: Die schmutzige kleine Hütte, in deren Vorratskammer sie beide eingesperrt sind, der große Raum, in dem der Rest der Dorfkinder angsterfüllt wartet, der seltsame Geruch, der aus der Großen Ratshalle dringt, selbst die Striemen von der gestrigen Abreibung kann er an seinem Rücken spüren.
Das Gespräch, daß er mit seinem Bruder führt, ist ihm furchtbar vertraut: Denn wenn sich der erwachsene Mann nicht mehr ganz an die Worte erinnern kann, die sie damals sprachen, so erkennt er doch jetzt jedes wieder.
Auch der fremde, vornehm gekleidete Mann, der kurz vor Beginn der großen Zeremonie ins Dorf einreitet, ist ihm aus seiner Kindheitserinnerung bekannt. Aber fast noch vertrauter ist der hochgewachsene, schlanke Franzose dem erwachsenen Terminus: Es ist Alocar d´Alencon, der erst vor kurzem den Bund heimsuchte. Doch kaum hat er diesen Schock verdaut, erwartet ihn ein zweiter: Der finstere Magus ist nicht allein. Vor ihm auf dem Pferd sitzt ein reichgekleideter kleiner Junge von vielleicht sechs Jahren, dessen weißblondes Haar in der Sonne leuchtet. Auch an dieses Kind kann Terminus sich zurückerinnern, das Gesicht des Kleinen hatte er sich allerdings nicht wirklich gemerkt. Dennoch erkennt er die Züge des Jungen: Nicht aus der Erinnerung des Knaben Chlannich, sondern aus der Vorstellungskraft des Magiers Terminus. Denn er kennt den Mann, zu dem dieses Kind heranwachsen wird: Kein anderer als der, dessen Geist er untersuchte, als er dieser Erinnerung das erste Mal wiederbegegnete – Andrew Ex Jerbiton, Filius des Alocar d´Alencon.
Der kleine Junge wird von seinem finsteren Lehrmeister in den hinteren Raum der Hütte gebracht und bei den Brüdern eingesperrt. Es ist nicht zu übersehen, daß er nicht weiß, was hier vorgeht, aber sehr große Angst davor hat. Kurz nur unterhalten sich die drei Kinder: Die Stimmung in dem Dorf ist zu erwartungs- und unheilvoll, als das einer der Jungen wirklich darüber nachdenken möchte, was sie erwartet.
Schließlich kommt Alocar in die Hütte und holt sich seinen Lehrling. Kurz darauf beginnt in der Großen Ratshalle ein dumpfer, gelegentlich auf und ab skandierender Gesang, den Chlannich und Belial nur zu gut kennen: Hier wird Charnas´ Hilfe beschworen. Die kleine Hütte mit den Kindern ist nahe genug an der Ratshalle, daß die beiden Knaben hören können, wie der Gesang manchmal von laut gerufenen Formeln in der Schwarzen Sprache oder von den Schreien eines Kindes unterbrochen wird. Schließlich, gegen Sonnenuntergang, ist der erste Teil der Zeremonie vorbei. In der Luft liegt eine unheilsschwangere Spannung, und eine fast vollständige Stille ist über das Dorf gefallen. Einen Herzschlag lang scheint die ganze Welt anzuhalten, dann kommen zwei Männer aus der Halle. Einer von ihnen trägt den besinnungslosen Körper des blonden Jungen in den hinteren Raum der Hütte, der andere treibt die Dorfkinder aus dem vorderen in die nahe Halle. Als die beiden weg sind, untersuchen Chlannich und Belial den ohnmächtigen Knaben, können aber außer ein paar Prellungen und Schnitten keine gefährlichen Verletzungen feststellen. Dennoch gelingt es ihnen nicht, den Jüngeren aufzuwecken.
Aus der Großen Ratshalle hören die Brüder jetzt auch wieder den Ritualgesang, aber diesmal klingt er fordernder, drängender. Wieder wird er gelegentlich von Kinderschreien unterbrochen, aber diese sind nicht bloße Schmerzens- oder Entsetzensschreie – das hier sind Todesschreie.
Endlich, kurz vor Mitternacht, hört auch dieser Teil der Zeremonie auf. Alocar kommt mit Coinneach MacLochlann, dem Vater der Brüder, in die Hütte. Dort heilt Coinneach, der Hohepriester des Charnas, die äußerlich sichtbaren Wunden des blonden Jungen. Alocar nimmt das Kind auf und besteigt mit dem bewußtlosen Knaben wieder sein Pferd. Obwohl Coinneach ihn drängt zu bleiben, und es in heftigen Strömen regnet, reitet der hermetische Magier in die Nacht hinaus.
Der Hohepriester wendet sich dann seinen Söhnen zu, und endlich geschieht, was die beiden seit Beginn des Tages gefürchtet haben: Sie werden in die Ratshalle gebracht, dorthin, wo das Idol des Charnas steht und wo dem dunklen Götzen die Opfer dargebracht werden. Dort, in der geschmückten, verräucherten Halle, steht ein finsterer Altar, der jetzt mit dem Blut der Kinder des Dorfes beschmiert ist. Dennoch ist in keinem der Gesichter der Anwesenden auch nur eine Spur Reue zu erkennen, vielmehr sind alle von freudiger Erregung und Erwartung erfaßt. Die große Statue, die Charnas in all seiner finsteren Schönheit zeigt, wird von Dutzenden Fackeln angeleuchtet, sodaß sie sich zu bewegen scheint – oder sind die schattenhaften Winke gar keine Auswirkung des flackernden Lichts? Um den Altar stehen ein Dutzend Gestalten in bestickten Roben: Die Priester und Priesterinnen des Götzen, zu denen auch Moran NicLochlann, die Mutter der Brüder, gehört. Sie scheinen zwar erschöpft, aber gleichzeitig auf merkwürdige Weise mit Energie gefüllt.
Als die Zwölf ihren Gesang wieder anstimmen, bindet der Hohepriester – der Dreizehnte Priester – Chlannich trotz seiner verzweifelten Gegenwehr auf den Altar. Dann packt er Belial, den die Dörfler mittlerweile in ein schweres Gewand gehüllt haben, und zwingt seinem widerstrebenden Sohn einen kostbar verzierten Dolch in die schmalen Hände. Als das Ritual seinen Höhepunkt erreicht hat, reißt er den Dolch mit Belials Händen in die Höhe und läßt ihn drohend über Chlannichs Herzen schweben. Alles, was der todgeweihte Junge noch sieht, ist das Fackellicht auf der blutverschmierten Klinge und das gierige Funkeln in den Juwelenaugen der Götzenstatue…. Das Prasseln des Regens vermischt sich mit dem tiefen, dumpfen Ritualgesang…. Endlich, nach einer schier unendlichen Zeit, stößt der Dolch nieder und trifft das sich windende Kind …..
Der brennende Schmerz in seiner Seite ist das erste, dessen Terminus sich wieder bewußt wird. Dann sieht er die besorgten Gesichter von zwei alten Männern über sich auftauchen, und erst nach einiger Anstrengung kann er sich bewußt machen, daß es sich bei den beiden um Phantastos und Fabula handeln muß. Terminus ist aus dem Zwielicht und seiner Erinnerung wieder zurückgekehrt.
Aber nicht völlig unversehrt: In seiner Seite, dicht unter seinem Herzen, hat er eine dünne Schnittwunde, aus der zwar nur ein einziger Tropfen Blutes rinnt, die aber dennoch schmerzt, als hätte man ihm ein glühendes Eisen in die Seite gestoßen.
Terminus braucht eine Weile, um sich wieder in der Wirklichkeit zu orientieren. Dann stellt er fest, daß all sein Wissen über Intellego ganz und gar verschwunden ist. Allerdings, so versichern ihm die beiden Criamon, könne er die Kunst nun ganz neu lernen, wobei sein Problem damit kaum wieder auftauchen dürfte.
Allerdings hat Terminus jetzt erst einmal ein ganz anderes Anliegen: Kaum ist seine Wunde notdürftig verbunden, geht er zu Honoria, die ja im gleichen Bund lebt, und berichtet ihr von seiner Erinnerung. Die Quaesitorin ist zwar zunächst recht skeptisch, zumal Zwielichtvisionen auf Tribunalen nicht als Beweise gelten. Dennoch ist sie bereit, im Gedächtnis der beiden anderen Beteiligten an diesem Ritual nach der Wahrheit zu suchen. So brechen die beiden Magi sofort nach Serpentia auf.
In Theobalds Gedächtnis findet Honoria dann tatsächlich eine Bestätigung, woraufhin sie auch Andrew in einem Ritual die Erinnerung an den Vorfall zurückgibt. Als schließlich auch der Jerbiton ihr das von Terminus Gehörte noch einmal erzählt, ist sie sich sicher: Alocar ist ein Dämonist! Ohne zu zögern ruft sie nun den Iter Magorum gegen Andrews Lehrmeister aus. Von nun an ist Alocar d´Alencon ein Verfemter, der von den Magiern des Ordens gejagt wird, bis sie ihn finden und töten – wenn sie ihn finden…

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Marganma

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